Von Heinz Blüthmann

Anfang April 1990 könnte im Wirtschaftsteil der ZEIT ein Bericht erscheinen, der so beginnt: "Es ist jetzt ein gutes Jahrzehnt her, daß es für die einstmals stolzen europäischen Unterhaltungselektronik-Firmen unter dem Ansturm der japanischen Konkurrenz brenzlig wurde. Die Fernost-Konzerne unter Führung von Matsushita, Hitachi und Sony rückten damals mit ihrer bereits relativ hochentwickelten Hi-Fi-Technik und der ersten Generation von Videorecordern so vehement auf dem EG-Markt vor, daß die verschreckte europäische Industrie ihr Heil in gegenseitigen Übernahmen suchte und zugleich beim Staat um Importschutz bettelte. Das Ergebnis ist bekannt: Viele Firmen der Alten Welt, verschwanden vom Markt, Zehntausende von Arbeitsplätzen gingen verloren – die Japaner triumphierten."

So trist diese Vision ist – es spricht wenig dagegen, daß sie Wahrheit wird, um so mehr dafür, daß dies schneller als in zehn Jahren passiert.

Denn die Entwicklung dahin ist bereits in vollem Gange. Wie knapp die Zeit und wie hauchdünn die Überlebenschance der europäischen Firmen schon geworden ist, gestand jüngst Ingwert Ingwertsen, Chef der deutschen Philips und zugleich Vorsitzender des Fachverbandes Unterhaltungselektronik im ZVEI: "Die nächsten zwei, drei Jahre entscheiden darüber, ob unsere Branche in Europa fortbestehen kann und ob überhaupt noch in Europa produziert wird."

Schuld daran, daß es so weit gekommen ist, hat nach Ingwertsens Meinung – fast möchte man sagen: natürlich – nicht die Branche selbst, sondern Bundesbank, Gewerkschaften und die tüchtige japanische Konkurrenz. Als Gründe für den Niedergang nämlich zählt der Philips-Chef nur auf: zu hohe Löhne, ungünstige Währungsrelationen, die den Export erschweren, der scharfe Wind der Konkurrenz auf dem "liberalsten Markt der Welt" und die anhaltend offensive Absatzstrategie der Japaner.

Doch da sind auch Ursachen für die Misere, die der Philips-Manager öffentlich gern verschweigt und die nicht wie ein böses und unbeeinflußbares Schicksal über die Branche hereingebrochen sind. Zu wenig Forschung und schlechtes Marketing, das den Japanern praktisch kampflos das Fortschrittsimage überließ, gehört ebenso dazu wie mangelnde Produktqualität – besonders, aber nicht nur, am Beispiel Videorecorder beweisbar – und unzureichende Modernisierung der Fertigung.

Hinzu kam eine grandiose Fehlkalkulation der Branche in einer Sparte, in der sie praktisch noch völlig ohne japanische Konkurrenz den Hauptteil ihrer Erlöse erwirtschaftet: große Farbfernsehgeräte. Fachleute schätzen, daß hier allein die bundesdeutschen Hersteller 1978/79 Verluste von 350 Millionen Mark "einfuhren" – ausgelöst durch eine Überproduktion mit anschließendem Preisverfall in bisher nie dagewesenem Ausmaß.