Ein Wettbewerb und seine eigenartigen Ergebnisse

Von Manfred Sack

Landstuhl ist eine kleine Stadt, die ungefähr sechzehn Kilometer westlich von Kaiserslautern im Pfälzer Wald liegt. Das Lexikon führt die braunrote Burgruine Nannstein an, die malerisch über dem Ort thront; wenn es nach dem Bürgermeister Hans Vogt und seinen ehrgeizigen Planern geht, sollte in der nächsten Auflage noch ein anderes, unvergleichlich wichtigeres Bauwerk Erwähnung finden, das den Vergleich mit der Bauausstellung von 1927, die die Stuttgarter Weißenhofsiedlung weltberühmt gemacht hat, bestehen soll. Das ist jedenfalls die Hoffnung des Architekten und Planers Dietrich Weigert aus Karlsruhe, der als Gewinner eines Wettbewerbs ein Siedlungsgebiet auf den waldreichen Hügeln südöstlich von Landstuhl geplant und beim Planen Lust auf etwas Außerordentliches bekommen hat: Das Gelände „Auf der Melkerei“ sollte Probierplatz für eine bisher versäumte Solar-Architektur werden, in der den Häusern solartechnische Geräte nicht mehr aufgesetzt oder angefügt, sondern so integriert werden sollen, daß dabei eine eigene, neuartige Architektur entsteht. Es gab einen Wettbewerb, zu dem erfahrene und eigenwillige Architekten geladen waren. Jetzt haben die Juroren darüber entschieden.

Die pikante Unternehmung erhält ihre eigentliche Begründung aus den internationalen Baugewohnheiten unseres Jahrhunderts, deren radikalster Künstler wahrscheinlich Mies van der Rohe war. Das Paradebeispiel, in dem diese Denkensart ihren ästhetischen Höhepunkt erfuhr, ist sein Farnsworth-Haus in Illinois (USA), ein länglicher, flacher, rundum verglaster Quader, der an acht weißen Stahlpilastern dicht über dem Rasen schwebt. Er ist vollendet schön. Die „verzaubernde Einfachheit dieser unaussprechlich eindrucksvollen Architektur“ hatte jedoch, wie Loranzo Papi in seinem Buch über den Baumeister bemerkt, einen Nachteil: Das Haus, mehr ein Kunstwerk denn ein Gebrauchsgegenstand, stellt ein nur „mit Mühe und Not bewohnbares Volumen“ dar; es ist trotz Klimaanlage und Heizung im Hochsommer und im Winter unbewohnbar.

Kollektoren als Statussymbole

Natürlich ist das Farnsworth-Haus mehr die Verkörperung einer Idee als ein Haus, absolute Architektur, die sich selber genügt. Es stellt auch eine radikale Unabhängigkeitserklärung gegen jede Art von Einschränkung dar, wie sie zum Beispiel die Natur mit Hitze und Kälte, mit Wind und Regen dem Dasein auferlegt. Gleichwohl blieb dieses Haus und die ihm innewohnende, scheinbar leicht nachzuahmende Stahl- und Glas-Botschaft ein bewundertes Vorbild. So entstanden immer leichtere, immer ausladendere, immer höhere Gebäude mit immer mehr Fenstern. Zugleich mobilisierten die Architekten ein stetig raffinierter werdendes Arsenal von Apparaten, um unerwünschte natürliche Energie mit künstlicher Energie zu vernichten. „Der leichte Zugriff zu scheinbar unerschöpflichen Energierohstoffen zu günstigen Preisen hat uns ... immer mehr dazu verleitet, klimatische Zusammenhänge und örtliche Verhältnisse als Randbedingungen eines Gebäudes kaum mehr zu beachten“, schreibt der Architekturprofessor Peter Steiger, der 1976 als erster in einem Buch gegen den Leichtsinn einer vorwiegend ästhetisch beurteilten Architektur gewettert hatte. Auf einmal kam die erste, alsbald folgte die zweite, nicht so schnell wieder endende Ölkrise. Energie ist ein teures Gut geworden. Das wirbelte plötzlich Erfinder an die Oberfläche und machte ihre noch unreifen Einfälle eilig produktionsfertig. Die Befürchtung wuchs, daß der Tag nicht mehr fern sei, „an dem Kollektoren auf dem Dach deutscher Vorstadthäuser zum obligaten Statussymbol geworden sind“.

Für Architekten von einigem Anspruch war das gleichwohl kein Thema, und so ist die Klage verständlich, die Axel Urbanek in seinem Buch über „Fünfzig deutsche Sonnenhäuser (Sonnenenergie Verlag, Gräfelfing, 1979; 176 S., 130 Abb., 29,– DM) vorbringt. Es sei, leider, „kein Bilderbuch der ‚schönsten deutschen Sonnenhäuser‘“ geworden, sondern nichts weiter als „ein Dokument der ersten Stunde der Solartechnik“ bei uns. Vorläufig gehe es noch gar nicht „um Architektur, also Baukunst, sondern etwas vordergründig um technische Anlagen zur Nutzung der Sonnenenergie“ – mit der in Wahrheit nur Unterlassungen beim Bau von Häusern kompensiert und Fehler korrigiert werden. Die Architekten, schreibt er, bauten „immer noch gegen die Natur und nicht im Einklang mit ihr“, sie hätten nicht einmal den Wink der Zeit verstanden und angefangen, die „zusätzlichen apparativen Möglichkeiten“ (wie Kollektoren, Wärmepumpen und dergleichen) in ihre naturfremde Architektur zu integrieren und als Wink für eine „zukunftsweisende Baukonzeption“ zu begreifen. „Wenn Architekten – so wie in den USA – auch in Deutschland die Pioniere der Sonnenenergie-Nutzung gewesen wären, dann hätten wir auch in diesem Lande ‚Sonnenhäuser‘ und nicht einfach Gebäude, auf oder in deren Süddächern man Kollektoren gelegt“ hat. Sie haben erst recht nicht versucht, die unvergleichlich vernünftigere „passive Nutzung“ natürlicher Energien als Chance (wieder) zu erkennen.