Jimmy Carters Schonzeit – der traurige Krisenbonus der Teheraner Geiselaffäre – ist abgelaufen. Seine Niederlagen in den Vorwahlen von New York und Connecticut bestätigen nur, was die Meinungsumfragen schon seit Februar verkündeten: Das Volk will action – gegen Zins- und Inflationsraten, die inzwischen auf die 20-Prozent-Marke zusteuern, gegen die scheinheiligen Ajatollahs, die Amerikas Ehre und seine gefangenen Bürger wie abgegriffene Schachfiguren auf dem Brett der eigenen Innenpolitik hin- und herschieben.

In New York haben die jüdischen Wähler dem Präsidenten eine Quittung für das amerikanische Sicherheitsrats-Votum gegen Israel verpaßt. Der Fall war exemplarisch. Denn das bizarre Unternehmen in den Vereinten Nationen – erst der scharfe Tadel für Jerusalems Siedlungspolitik, dann das lahme Eingeständnis eines "Irrtums" – dramatisierte ja nur eine hinlänglich bekannte Schwäche, die der Carter-Administration wie ein Geburtsfehler anhaftet: Sie erweist sich entweder als inkompetent oder als inkonsequent – oft trifft sogar beides zusammen.

In New York liefen aber nicht nur die Juden, sondern auch, das schwarze Proletariat und das katholisch-ethnische Kleinbürgertum zu Edward Kennedy über. Diese schwächsten Sozialschichten sind die Hauptopfer einer ungezügelten Inflation. Sie hat die Preise für Benzin um 60 Prozent, für Hypotheken um 30 Prozent, für öffentliche Verkehrsmittel um 20 Prozent emporgejagt. Eben diese Benachteiligten sind es, die im Iran ihre nationale Ehre geschmäht sehen. Sie haben sich monatelang um den bedrängten Präsidenten geschart; nun fordert der traditionelle Nationalismus der amerikanischen Unterschicht seinen Tribut: handeln, nicht mehr verhandeln.

Zwei Drittel des Volkes wollen den persischen Klerikalen nun die Faust zeigen; Anfang Februar hielten sich Gemäßigte und "Falken" noch die Waage. Nur 28 Prozent der Befragten waren vor acht Wochen unzufrieden mit Carters Iran-Politik; heute sind es knapp 50 Prozent. Auch in seiner Politik gegenüber der Sowjetunion hat der Präsident keine Mehrheit hinter sich. Seit Dezember ist Carters Popularität um zwanzig Prozentpunkte gefallen; sie liegt derzeit bei 40 Prozent.

Vier Monate lang konnte Jimmy Carter seinen Hang zur Unentschlossenheit als Beweis souveräner Staatskunst feilbieten. Sein Kapital war die Krise. Er hat seinen glücklosen Rivalen Kennedy fast überall schlagen können, ohne dafür auch nur einen Fuß vor das Weiße Haus zu setzen. Die Vorwahl-Niederlagen und die Umfragen haben den Präsidenten nervös gemacht – und es ist zu befürchten, daß die erzwungene Wartezeit den Präsidenten nicht weiser gemacht hat. Wie eh und je kennt Carter zwar das Ziel, aber nicht den Weg – und deshalb bricht er wieder nach allen Seiten zugleich aus.

Seit Wochenbeginn droht das Weiße Haus dem Iran wieder mit wirtschaftlichen Sanktionen – obwohl es den Europäern, zumal Helmut Schmidt, mit mühevollen Beschwörungen gelungen war, Carter von der Unfruchtbarkeit, ja Schädlichkeit eines Wirtschaftskrieges zu überzeugen. Zugleich aber sendet der Präsident unterwürfige Botschaften an die zerstrittenen Revolutionäre in Teheran, in denen er die Geiselnahme eine "gerechtfertigte Reaktion" der iranischen Jugend nennt – das meldet jedenfalls die iranische Nachrichtenagentur Pars.

Markige Worte einerseits, matte Schuldgebärden andererseits: Warum sollte ausgerechnet diese krause Mischung die staatlich sanktionierte Erpressung beenden? Das eine entwertet das andere, und was in Washington wie ein ausgeklügeltes Paket von Entschlossenheit und Entgegenkommen aussehen mag, kann in Teheran nur allzuleicht als erneutes Signal amerikanischer Unberechenbarkeit bewertet werden.