Der Kaiserstuhl – liebliche Buckellandschaft für Wanderer, Winzer und Wirtshaushocker

Von Wolf gang Boller

Der Frühling kam mit Schnee. Am Kaiserstuhl, wo er hierzulande am frühesten Einzug hält, grundierte er die Landschaft für seine Blütenwunderwerke in den Farben von Schneewolkengrau, Ocker und stumpfem Grün. Vorbote seiner Herrlichkeit war das Mandelbäumchen in der Endinger Straße zu Königschaffhausen (neben der Sparkasse). Über Nacht stand es in Blüte. Dann brachen die Forsythien auf, leuchtend wie brennende Sträucher über Gartenmauern. Schließlich bluten die kleinen Mandelbäume an den Böschungen der Rebenterrassen. Am Kaiserstuhl beginnt das Jahr der Weinbauern, Flurbereiniger und Gastronomen.

Noch scheinen sie insgeheim zu wünschen, daß es sie unbehelligt ließe, daß es ohne Nachtfröste, Kernkraftstreit und Katastrophen verginge. Die Schilder weisen nach Frankreich, als wären sie aufgestellt, auch die Flut von Verantwortung und Sorgen abzulenken, auf daß am Kaiserstuhl alles beim alten bliebe und jeder Kaiserstühler sein Dörfchen hätte, seine paar Rebenzeilen am steilen Hang, seine täglichen Viertele (und nicht die neumodischen, betrügerischen Fünftele). So sitzen sie in der Wirtschaft am Stammtisch und babbeln durcheinander und schlotzen ihren Kaiserstühler, und man sollte es nicht für möglich halten, daß der Schein trügt.

Man sollte doch denken, die Zeit hätte die seltsamen Vulkanhügel umgangen wie der Rhein und die Baseler Autobahn. Es gibt drei kleine Städte am Kaiserstuhl, 18 Dörfer und nur eine einzige Verkehrsampel (in Bötzingen). Samstagnachmittags ist das Wachlokal der Breisacher Gemeindepolizei geschlossen. Die Wingerte sind aufgeräumt und menschenleer wie die gute Stube, die Reben akkurat geschnitten und gebogen, die Weinstuben voller Zecher. Im Märzwind flattern Handtücher, Wahlplakate und unbeherzigte Bischofsworte. Die Idylle scheint ungetrübt, als hätten sich die Erinnerungen an selige Vergangenheiten in den Tälern des Kaiserstuhls ein kuscheliges Nest gebaut, eins für die Ewigkeit. Doch der Schein trügt.

Die Zeit ignoriert die Wegweiser. Asphaltstraßen laufen mitten durch den Kaiserstuhl – von Sasbach nach Freiburg und von Breisach zur Autobahn. Städtlein und Dörfer sind zu zehn politischen Gemeinden zusammengefaßt. Größte Stadt ist nicht mehr das ehrwürdige Breisach, sondern das entlegene Vogtsburg mit sechs Winzerdörfchen. Der Kaiserstühler Wein wird zu annähernd 90 Prozent in den Kellern der Winzergenossenschaften vergoren, und die Kritiker sind der Meinung, er sei auch danach. Zwei-Sterne-Gastronom Franz Keller aus Oberbergen: "Die heutige Generation ist dabei, den Kaiserstuhl-Weinbau zu industrialisieren, zu nivellieren, zu einer Getränkeindustrie langweiliger und gleichschmeckender Produkte zu machen." In der Tat ist die Hälfte des Kaiserstühler Rebenbaus wie durch die Umwälzungen eines achten Schöpfungstags im Schnittmuster der Flurbereinigung untergegangen.

Derzeit sind die Flurbereiniger in der Gemarkung Bickensohl am radikalen Werk. Man hat ihnen vorgeworfen, daß sie Berge versetzten gleich der Kraft des Glaubens. Doch sie versetzen keine Berge. Sie sägen an ihnen herum. Sie schneiden ihnen Riesentreppen in die Flanken. Den Strümpfekopf bei Bickensohl haben sie geschunden wie der flötenspielende Apoll den unterlegenen Marsyas. Das uralte gelbe Lößfleisch der Erde liegt bloß. Kräne und Planierraupen, von weitem wie Spielzeug anzusehen, wie schwerfällige Käfer, zwingen die Rebenlage Scheibenhardt in einen neuen Maßanzug mit haushohen Böschungen und zum Berg geneigten Terrassen. Vom Fuß der Berge sieht man die Reben nicht mehr.