WDR III (ab 6. 4.), HR (ab 10. 4.), S 3 [ab-

12. 4.), Nord III (ab 20. 4.): "Mein Tagebuch fünfteilige Sendereihe von Heinrich Breloer

Sie heißt Edelgard, ist im Nachkriegssommer 1945 fünfzehn Jahre alt und schreibt unter den Titel "Tagebuch I", den sie auf das Schildchen des Schulheftes malt, den Satz: "Ich bitte, nicht zu lesen." Groß fährt die Kamera aufs Titelschild und ins Tagebuch hinein – und tausend, zehntausend Augen können lesen, was sie doch, bitte, nicht lesen sollen.

Er heißt Armin, ist im Hitler-Frühling 1933, als er in Düsseldorf zur Kinderkommunion geht, dreizehn Jahre alt und schreibt in das Tagebuch, das ihm eine Tante auf den Gabentisch legt, bald solche Sätze, deretwegen er die Kladde verstecken muß: "Warum soll ich in die Hitlerjugend? Mein Vater ist ein Feigling. Ich werde ihn nicht mehr Vater, ich werde ihn Parteigenosse nennen." Was damals niemand, am wenigsten die Verwandten lesen sollten, können nun Millionen Augenpaare im Fernsehen lesen.

Fünf Dreiviertelstunden einer so explosiven Intimität kann nur das Fernsehen schaffen. Heinrich Breloer und die Kamera rücken sechzehn Menschen auf den Leib, ja, sie dringen in die Geheim-Welt von Erinnerung, Verdrängung, Phantasie, Tagtraum, wie man sie in einem Tagebuch errichtet. Und es ist keinen Augenblick peinlich.

Gern erinnert man sich an Breloers Interview- und Dokumentar-Film über Brechts erste Liebe, "Bi und Bidi in Augsburg", zum 80. Geburtstag des Stückeschreibers im Frühjahr 1978. Mit derselben journalistischen Hartnäckigkeit, aber auch mit ebensoviel Einfühlungsvermögen und Taktgefühl, hat Breloer eine fünfteilige Sendereihe gedreht: "Mein Tagebuch". Aus Dokumentation, Interview, Einblendung historischer Filme, Wochenschauen, Aufnahmen aus Theateraufführungen entsteht ein Mischgenre aus Montage, aus Analyse von Personen und Geschichte, das an Alexander Kluges Schreib- und Filmtechnik denken läßt. Die fünf 45-Minuten-Filme, eine Gemeinschaftsproduktion von NDR und WDR, senden die Dritten Programme von WDR, Hessischem Rundfunk, Nord III und S 3 zu verschiedenen Terminen während der nächsten Wochen, beginnend am 6. April (WDR), endend am 7. Juni (S 3).

Darf man das, Leute vor die Kamera holen, die doch, als sie vor Jahren, zumeist als junge Menschen in der Pubertät, ihr Tagebuch als Geheimschrift führten? Dürfen die Scheinwerfer des Fernsehens in Seelenfalten und Dunkelzonen von Männern und Frauen leuchten, selbst wenn die es inzwischen wollen? (Immerhin haben sich nach einem Aufruf für diese Sendereihe mehr als tausend Tagebuchschreiber gemeldet.)