Geschichte als graue Theorie

Von Karl-Heinz Janßen

Würzburg, Ende März

Die Geschichtslehrer hörten es nicht gern, als Professor Klaus von Schubert beim 33. Historikertag in Würzburg einen trotz schöner Reden und Beschlüsse noch nicht behobenen Bildungsnotstand aufdeckte: "Der normale Abiturient bringt für die historisch-politische Bildung keine Grundvoraussetzungen mit." Schubert muß sich an der Münchner. Bundeswehrhochschule täglich mit den Unzulänglichkeiten deutscher Bildungsreformen herumschlagen, sieht daher die Wirklichkeit schärfer als seine Kollegen an den Universitäten, die in der Regel besser vorgebildete Studenten um sich haben.

Die Vermittlung historischen Wissens – das war vorige Woche das eigentliche Problem dieses Kongresses. Längst hat die Geschichtswissenschaft ihre Tendenzwende hinter sich; der Eigenwert des Schulfachs Geschichte wird kaum noch ernstlich bestritten; Experimente mit den Lehrplänen lassen nach, wenn auch Verfasser von Rahmenrichtlinien weiterhin dazu neigen, Lehrer wie Schüler zu überfordern. Ob allerdings der Historikertag, zu dem alle zwei Jahre der Verband der Historiker und der Verband der Geschichtslehrer ihre Mitglieder zusammenrufen, noch der geeignete Ort ist, das zu fördern und zu leisten, was Politik und öffentliche Meinung von der Geschichtswissenschaft erwarten, darüber werden die neugewählten Vorstände beider Verbände nachdenken müssen.

Solche Massenveranstaltungen – mit rund 1600 Teilnehmern – verlieren ihren Sinn, denn sie entarten zu Fortbildungslehrgängen für Lehrer, die das größte Kontingent darstellen. Vielleicht muß man wieder zu getrennten Kongressen übergehen, damit echte wissenschaftliche Streitgespräche möglich werden, intensiv, ohne Zeitnot, sprühend vor Geist. Vielleicht fänden sich dann wieder junge (oder alte) Gelehrte, die sich nicht scheuten, mit gewagten Thesen vor das Forum zu treten. Heutzutage erstarren die meisten Sektionen in routiniertem Repetieren und gepflegter Langeweile.

Warum fechten die Professoren Nipperdey und Kocka ihren Theoriestreit über "Geschichte als Aufklärung" nicht vor diesem, für jede Aufmunterung dankbaren Publikum aus? Anlaß wäre dazu um so mehr gewesen, als Siegfried Graßmann, scheidender Präsident der Geschichtslehrer, zu Beginn fragte, ob wir heute von den Lehrern verlangen können, "daß die Beschäftigung mit Geschichte nicht legitimieren soll, sondern analysieren, nicht befürworten oder verurteilen, sondern darstellen", kurz: die eigene Entscheidung des Schülers offenhalten soll und darf. Warum wird über ein so brisantes Thema wie die Beteiligung der deutschen Wehrmacht an den Massenmorden des Zweiten Weltkrieges nur im Fernsehen oder im Bayernkurier diskutiert?

Leider war Joachim Fest Verhindert, in einer Podiumsdiskussion jene Thesen zu verteidigen, mit denen er vor einiger Zeit die Geschichtswissenschaft herausgefordert hatte: Die moderne strukturgeschichtliche Methode vergesse den Menschen, sei quasi inhuman; vor lauter Detailkrämerei komme den Historikern die Kraft zur großen Darstellung abhanden; auch hätten sie die Kunst des guten Stils verlernt. Einige Gelehrte waren souverän genug, diese Kritik als mehr oder weniger berechtigt anzuerkennen. Werner Conze, nach 1945 Begründer der Strukturgeschichte (ohne zu ahnen, was er angerichtet hatte), mokierte sich über jüngere Kollegen: "Sie reden von nagativen Strukturen und können nicht einmal einen Essay schreiben."

Geschichte als graue Theorie

Nun stritten sich Historiker und Fernsehpublizisten darüber, wie man den öffentlichen Auftrag von Historie und Medien vereinen könne – hier Forschung und Lehre, dort Bildung, Unterhaltung, Information. Es wurde viel, oft gewollt aneinander vorbeigeredet. So schlecht, wie es sich anhörte, ist das Verhältnis der beiden Bildungsträger gar nicht. Dutzende von gelungenen Fernsehfilmen, Rundfunksendungen, Zeitungsartikeln, Taschenbüchern ließen sich anführen. Nicht gering ist die Zahl jener Historiker, die in den verschiedenen Medien, erfolgreich mitarbeiten. Wichtiger als sich zu streiten wäre es, gemeinsam in den Rundfunk- und Fernsehräten für mehr Sendezeit einzutreten. Beklagenswert bleibt freilich das Übergewicht der Zeitgeschichte. Der Mediaevist Horst Fuhrmann bezweifelte, ob sich Themen aus dem Mittelalter mediengerecht für unsere Gesellschaft zubereiten lassen. ("Manchmal denke ich, daß die Grünen das übernehmen.") Sogar Altmeister Hermann Heimpel zuckte die Schultern: "Ich wüßte es auch nicht."

Scheingefechte wurden ebenfalls in der Podiumsdiskussion über "Offene Fragen in der Erforschung des Nationalsozialismus" ausgetragen. Sowohl die Anhänger des Totalitarismusmodells als auch die Verfechter des Faschismusmodells mußten einräumen, daß man damit allein weder das Wesen des Dritten Reichs noch die Persönlichkeit Adolf Hitlers voll erfassen kann. Eberhard Jaeckel gab den vernünftigen Rat, doch erst einmal vom Befund auszugehen und nicht alles am grünen Tisch der Theorie auszumachen. Wirklich offen sei die Frage nach dem besonderen Charakter der Alleinherrschaft. Hans Mommsen beharrte auf seiner zukunftsorientierten Frage, ob sich ähnlich freiheitsfeindliche, selbstzerstörerische Mechanismen wie damals unter anderen Bedingungen und mit anderen Faktoren wiederholen könnten. Aber wer nun eigentlich im Dritten-Reich was und wie entschieden hat, wissen wir noch immer nicht genau.

Festredner Karl Bosl sprach davon, in jeder Gegenwart seien sechzig Prozent vorgegeben. Den Bezug zur Gegenwart herzustellen, fiel den einzelnen Sektionen weder schwer noch war er vermeidbar: so beim "Aufstieg und Niedergang von Weltreichen", so bei den Themen Palästina, Weltwirtschaftskrise, Städtewachstum, Sozialisation der Einwanderer in Amerika. Auch in der Zeitgeschichte selber: ist – ein Jahr nach dem "Holocaust"-Wirbel – – noch manches nicht ausprobiert: "Wann hat an der Schule schon einmal eine Mutter über Bombenangriffe erzählt", fragte Siegfried Graßmann, "wann ein Mitglied einer im Dritten Reich verbotenen Partei oder Organisation berichtet, ein Flüchtling sein Schicksal geschildert, ein alter Stadtrat den Wiederanfang nach 1945 dargestellt, ein Richter etwas über einen NS-Prozeß gesagt?"

Im Schatten des Würzburger Domes protestierten junge Leute gegen die Ermordung des Erzbischofs Romero. Wie wäre es, wenn beim nächsten Historikertag im Programm stünde: "Mittelamerika in sozialgeschichtlicher Sicht?"