Nun stritten sich Historiker und Fernsehpublizisten darüber, wie man den öffentlichen Auftrag von Historie und Medien vereinen könne – hier Forschung und Lehre, dort Bildung, Unterhaltung, Information. Es wurde viel, oft gewollt aneinander vorbeigeredet. So schlecht, wie es sich anhörte, ist das Verhältnis der beiden Bildungsträger gar nicht. Dutzende von gelungenen Fernsehfilmen, Rundfunksendungen, Zeitungsartikeln, Taschenbüchern ließen sich anführen. Nicht gering ist die Zahl jener Historiker, die in den verschiedenen Medien, erfolgreich mitarbeiten. Wichtiger als sich zu streiten wäre es, gemeinsam in den Rundfunk- und Fernsehräten für mehr Sendezeit einzutreten. Beklagenswert bleibt freilich das Übergewicht der Zeitgeschichte. Der Mediaevist Horst Fuhrmann bezweifelte, ob sich Themen aus dem Mittelalter mediengerecht für unsere Gesellschaft zubereiten lassen. ("Manchmal denke ich, daß die Grünen das übernehmen.") Sogar Altmeister Hermann Heimpel zuckte die Schultern: "Ich wüßte es auch nicht."

Scheingefechte wurden ebenfalls in der Podiumsdiskussion über "Offene Fragen in der Erforschung des Nationalsozialismus" ausgetragen. Sowohl die Anhänger des Totalitarismusmodells als auch die Verfechter des Faschismusmodells mußten einräumen, daß man damit allein weder das Wesen des Dritten Reichs noch die Persönlichkeit Adolf Hitlers voll erfassen kann. Eberhard Jaeckel gab den vernünftigen Rat, doch erst einmal vom Befund auszugehen und nicht alles am grünen Tisch der Theorie auszumachen. Wirklich offen sei die Frage nach dem besonderen Charakter der Alleinherrschaft. Hans Mommsen beharrte auf seiner zukunftsorientierten Frage, ob sich ähnlich freiheitsfeindliche, selbstzerstörerische Mechanismen wie damals unter anderen Bedingungen und mit anderen Faktoren wiederholen könnten. Aber wer nun eigentlich im Dritten-Reich was und wie entschieden hat, wissen wir noch immer nicht genau.

Festredner Karl Bosl sprach davon, in jeder Gegenwart seien sechzig Prozent vorgegeben. Den Bezug zur Gegenwart herzustellen, fiel den einzelnen Sektionen weder schwer noch war er vermeidbar: so beim "Aufstieg und Niedergang von Weltreichen", so bei den Themen Palästina, Weltwirtschaftskrise, Städtewachstum, Sozialisation der Einwanderer in Amerika. Auch in der Zeitgeschichte selber: ist – ein Jahr nach dem "Holocaust"-Wirbel – – noch manches nicht ausprobiert: "Wann hat an der Schule schon einmal eine Mutter über Bombenangriffe erzählt", fragte Siegfried Graßmann, "wann ein Mitglied einer im Dritten Reich verbotenen Partei oder Organisation berichtet, ein Flüchtling sein Schicksal geschildert, ein alter Stadtrat den Wiederanfang nach 1945 dargestellt, ein Richter etwas über einen NS-Prozeß gesagt?"

Im Schatten des Würzburger Domes protestierten junge Leute gegen die Ermordung des Erzbischofs Romero. Wie wäre es, wenn beim nächsten Historikertag im Programm stünde: "Mittelamerika in sozialgeschichtlicher Sicht?"