Heute noch frage ich mich, was wohl den ehrwürdigen Alten mit dem Patriarchenbart und dem gewaltigen Krummsäbel am Gürtel bewogen haben mag, mich der Armenspeisung für wert zu befinden. Gar so dürftig kann ich doch nicht ausgesehen haben. Geld heischte er von mir auch nicht.

Plötzlich stand er gebückt vor mir. Ich hatte schon lange unweit des schattigen heiligen Baumes gehockt und den Klängen der Tempelmusikanten gelauscht, die über das ebenfalls heilige Wasser herüberwehten. Der pittoreske Alte – er gehörte der Tempelwache an – bedeutete mir, beide Hände zur Schale zu formen und so die fromme Speise entgegenzunehmen. Da ich unter seinen streng-gütigen Augen brav den süß-klebrigen-fetten Grießbrei schluckte, bekam ich auch noch einen Nachschlag – eine unverdiente Auszeichnung.

In der Armenküche am goldenen Tempel von Amritsar werden täglich viele Kübel Brei gekocht und im Tempelbereich verteilt. Für ein paar Paisa wird er auf Blättern an die wohlhabenden Sikhs gegeben, unentgeltlich und schlicht aus der Hand an die Armen – und an mich.

Man steht wie geblendet, wenn man den prächtigen Goldtempel zum ersten Male sieht, wie er in der gleißenden Morgensonne funkelt und sich im Wasser spiegelt. So mancher Tourist verfällt hier in einen "Goldrausch" und schießt, was die Kamera hergibt. Leider sind ihm Grenzen gesetzt, denn er darf das schimmernde Juwel nur über den künstlichen See hinweg photographieren.

Auf dem winzigen Tempelinselchen inmitten des Wassers, ja selbst schon auf der langen Brücke, die hinüberführt, ist das Photographieren streng untersagt, gar dicht zu reden vom Tempelinneren. So kann man denn auch keine Ansichtskarte von den Räumen dieses "Traums in Gold" erwerben.

Die vergoldeten Wände und Pfeiler im Tempel sind mit kostbaren Einlegearbeiten und kunstvollen Malereien verziert. Sockel, Böden und Treppen bestehen aus Marmor. Schattige Arkaden räumen den ausgedehnten Tempelbezirk, der sich um ein riesiges Wasserbecken zieht, in dessen Mitte auf einem aufgeschütteten Inselchen, der Tempel steht.

Neben dem Hemkunt-See, über 4000 Meter hoch im Himalaya gelegen, zu dem der fromme Sikh auf mühseligen Pfaden pilgert, um dort ein reinigendes Bad zu nehmen, ist Amritsar im Norden Indiens der wichtigste und weniger strapaziös zu erreichende Wallfahrtsort der Sikhs. Die Ende des 15. Jahrhunderts Von Nanak Sahib im Norden Indiens gegründete Religionsgemeinschaft ist stark vom Islam beeinflußt. In Verteidigung ihres Glaubens entwickelten die Sikhs eine Art nationalen Kriegsadel. Sie gründeten unter Randschit Singh im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts sogar einmal einen eigenen Staat.