"Jogging" im Liegestuhl – das ist der Wunschtraum jedes Fitneß-Beflissenen, dessen konkrete Bemühungen stets an der Faulheit scheitern. Und doch ist diese Szene, nimmt man sie nicht ganz wörtlich, so traumhaft nicht – vorausgesetzt, sie spielt sich in alpiner Höhenlage zwischen 1500 und 3000 Meter Seehöhe ab.

Der Begriff des "passiven Körpertrainings" spielte bei einem internationalen Symposium in Innsbruck-Igls mit dem Thema "Medizinische Aspekte der Höhe – Alpine Höhenlage als Training und Therapie" eine zentrale Rolle.

Der Flachländer, der Erholung im Hochgebirge sucht, ist dort, ohne daß er auch nur einen Schritt zu tun hätte, allein schon durch die Einwirkung der Höhenluft auf seinen Organismus einem Trainingseffekt ausgesetzt. Dieser Effekt entspricht etwa dem eines mittleren Dauerlaufs im Flachland. Nur mit dem Unterschied, daß er viel sanfter ist als bei einem abrupten physischen Kraftakt.

Dieses- Phänomen ist zurückzuführen auf den verringerten Sauerstoffgehalt der Luft und auf die erhöhte UV-Strahlung im Hochgebirge. Um den Sauerstoffbedarf zu decken, muß sich der Körper der "dünneren" Luft anpassen: Die Atmung wird intensiver; das Herz schlägt kräftiger; der Kreislauf wird aktiviert. Die erhöhte UV-Strahlung forciert die Bildung der roten Blutkörperchen. Der Sauerstoff geht so leichter aus dem Blut in die Körperzellen über.

Besonders wertvolle Aufschlüsse erbrachten wissenschaftliche Untersuchungen, die sich mit Umstellungen befaßten, die an Herz und Kreislauf, Lunge und Blut von Hochleistungssportlern als Folge eines. Trainings in alpinen Höhenlagen auftreten. Diese Umstellungen bewirken, daß der Sportler, in die Ebene zurückgekehrt, dort vor allem Dauerleistungen besser erbringen kann. Analog wirkt auch beim "Normalverbraucher" das Höhentraining nach Rückkehr ins Flachland noch bis zu sechs Monaten nach.

Den Hochgebirgs-Urlaubern, die sich mit dem "passiven Höhentraining" nicht zufrieden geben wollen, wurde während des Symposiums nachdrücklich angeraten, das aktive Training behutsam anzugehen. Zeitliche Dauer und Schwierigkeitsgrad von Wanderungen, Bergtouren und Ski-Aktivitäten sollen nur ganz allmählich gesteigert werden.

Der magische Zeitraum von sechs Monaten, in dem ein Hochgebirgsurlaub nachwirkt, wurde aber auch noch in anderem Zusammenhang erwähnt. Der Innsbrucker Professor Halhuber berichtete, daß Patienten mit krankhaft hohem Blutdruck länger als ein halbes Jahr nach einem dreiwöchigen Hochgebirgsurlaub völlig beschwerdefrei blieben und auch später noch einen weit niedrigeren Blutdruck hätten als vor dem Aufbruch ins Gebirge. Halhuber führt seit Jahren mit Patienten, die einen Herzinfarkt gut überstanden haben, Gletscher-Skitouren durch, ohne daß es auch nur ein einziges Mal zu einem Rückfall gekommen wäre.

Das Symposium vermittelte den Eindruck, daß die noch vor kurzer Zeit von Ärzten vertretene Auffassung, ein Urlaub über 600 Meter Seehöhe schade Herz- und Kreislauf schwachen, nicht mehr haltbar sei. Da auch von laufenden wissenschaftlichen Untersuchungen über die Auswirkungen der Höhenluft auf Erkrankungen etwa der Atemwege oder der Haut zu hören war, scheint der Zeitpunkt nicht mehr fern, an dem eine ärztlich verordnete Höhenkur zur Therapie wird. Hans Joachim Benzing