Von Dieter Buhl

Washington, Ende März

Das Leitmotiv, das Ronald Reagan seinen Vorstellungen über den Umgang mit Freund und Feind unterlegt, klingt wie Trompetengeschmetter: "Es kümmert uns nicht, ob sie uns lieben oder nicht. Wir haben vielmehr das Ziel, überall in der Welt respektiert zu werden." Mit ähnlichen markigen Tönen mag der ehemalige Filmschauspieler früher einmal sein Publikum begeistert haben. Jetzt provozieren solche Sprüche des aufrechten Recken aus Kalifornien nicht nur Beifall, sondern auch die Besorgnis, ein Präsident Reagan könnte Washingtons Außenpolitik als Western inszenieren.

Will Reagan eine Außenpolitik aus der Cowboy-Perspektive betreiben? Gibt es für ihn nur good guys und bad guys auf dem Globus? Bislang hat der republikanische Spitzenreiter wenig unternommen, um diesen Vorwurf zu entkräften. Die Außenpolitik gilt ohnehin nicht als Glanzfach des früheren Gouverneurs, und in seinen wenigen Grundsatzreden zeichnete er bisher nur ein sehr holzschnittartiges Weltbild. Der Glaube an die absolute Überlegenheit des amerikanischen Systems, Begriffe wie Stolz, Ehre und Patriotismus bilden darin die Koordinaten.

In einer Zeit der Demütigung für Amerika appelliert Ronald Reagan an das Selbstbewußtsein seiner Landsleute. Die Aufmunterungen wären noch überzeugender, wenn sie nicht die Geschichte verleumdeten. Nun aber erscheint Reagan als ein Politiker, der die Uhr zurückdrehen möchte, der noch an die amerikanische Allmacht glaubt. "Keine Vietnams mehr, keine Taiwans mehr, kein Verrat an unseren Freunden mehr", verspricht er. Als sei Amerika heute gegen Niederlagen oder gar Konzessionen gefeit. Als hätte sein Land der anderen Supermacht nicht schon vor Jahren die militärische Ebenbürtigkeit beschafft. Als gäbe es nicht "Freunde", zu denen er offenbar auch Diktatoren wie Somoza rechnet, die des amerikanischen Beistandes wert sind.

Um die amerikanische Vormachtstellung wiederzugewinnen, will Reagan folgende Schwerpunkte setzen: Amerika soll gewaltig aufrüsten, seinem Geheimdienst freiere Zügel lassen, die Propaganda-Arbeiten von Sendern wie Radio Free Europe und Radio Liberty verstärken, vor allem aber eine beständige, fest umrissene Außenpolitik betreiben. Besonders mit dem letzten Vorsatz kann der Kandidat auf breite Zustimmung rechnen. Im Ärger um Jimmy Carters Pendelpolitik gilt jedes außenpolitische Konzept als diskutabel, das Streben hat, selbst wenn das wie bei Reagan militanter Antikommunismus und amerikanisches Sendungsbewußtsein sind.

Diese Kombination könnte einen Präsidenten leicht zum Kreuzzügler werden lassen. Doch Barry Goldwater bleibt unvergessen. Das Schicksal des republikanischen Kandidaten, der 1964 mit atomaren Drohungen jonglierte und eine zerschmetternde Niederlage einstecken mußte, dient Reagan als Warnung. Er will die Sowjets nicht mit einer Politik am Rande des Abgrundes herausfordern, sondern mit Aufrüstung und Hartnäckigkeit beeindrucken. Den Vorschlag, Moskau mit einer Blockade Kubas zum Abzug aus Afghanistan zu bewegen, hat Reagan dann auch schnell wieder aus seiner Standardrede gestrichen. Verhandlungen ja, so etwa lautet seine Devise für den Umgang mit den Sowjets, aber keine Küsse mehr für Breschnjew.