Von Wolfgang Hoffmann

Die deutschen Reeder müssen auch in diesem Jahr auf Kummer gefaßt sein. Seit US-Präsident Jimmy Carter die Getreidelieferungen an die UdSSR gestoppt hat, schippern sowjetische Frachter mit leerem Stauraum auf den Weltmeeren und halten Ausschau nach Ersatz für jene Ladung, die ihnen in den amerikanischen Häfen entgangen ist. Und so die roten Kapitäne nicht noch anderswo Weizen an Bord nehmen können, werden sie im Auftrag von Drittländern Frachten laden, wo immer sie sich bieten. Dabei sind die Methoden alles andere als fein. Die Kapitäne des Ostblocks stehen nämlich im Ruf, moderne Freibeuter zu sein.

Schon kurz nach Carters Getreide-Embargo meldeten Schlagzeilen deutscher Zeitungen besorgt eine ungewöhnliche Häufung russischer Frachter vor Hamburg. Tenor der Meldungen: Schon hätten die Russen beigedreht, um ihre leeren Pötte mit deutschen Frachten zu füllen. Eingeweihte freilich wußten, mit der neuen Weltlage hatte die russische Flottenparade vor Hamburg vorerst nichts zu tun. Es handelte sich vielmehr um jene sowjetischen Frachter, die noch vor Carters Getreidestopp Ladung genommen hatten, die nun in Hamburg auf kleinere Schiffe umgeladen wurden. Die schwergewichtigen Russen – 30 000 bis 50 000 Tonnen – können wegen ihres Tiefgangs die heimischen Häfen nämlich nicht mit voller Fracht anfahren.

Tatsächlich gibt es in den bilateralen Schifffahrtsbeziehungen zwischen Deutschen und Sowjets keine aktuellen Probleme. Seit beide Länder in ständigem Gespräch über bilaterale Fragen des Seeverkehrs stehen, ist der Frachtverkehr zwischen Ost und West ausgeglichen. Ministerialdirigent Christian Woelcker, Leiter der verkehrspolitischen Grundsatzabteilung im Bonner Verkehrsministerium: "Das Verhältnis steht etwa fünfzig zu fünfzig."

Kummer hingegen bereitet Bonn wie den deutschen Reedern der sogenannte Crosstrade. So wird der Frachtverkehr zwischen fremden Ländern (Drittländern) genannt. Alle großen Schifffahrtsnationen befördern nicht nur Güter ihrer eigenen Länder, sondern auch Frachten, die nicht im eigenen Außenhandel geliefert werden. Dies geschieht im Linienverkehr (Routen und Abfahrtzeiten liegen fahrplanmäßig fest) wie auch im Trampverkehr (Routen und Zeiten sind dem Bedarf angepaßt). Und im Crosstrade haben die Russen als Außenseiter die übrigen Schiffahrtsländer das Fürchten gelehrt.

Im traditionellen deutschen Fahrgebiet nach Ostafrika haben die Sowjets den deutschen Reedem bereits den Rang abgelaufen. So bietet die

russische Besta-Linie von westdeutschen Häfen aus im Verkehr mit Ostafrika monatlich drei Abfahrten an, während die Deutschen sich auf eine Abfahrt im Monat beschränken. 1975 hatten die