Als die Oberammergauer vor 350 Jahren ihr Passionsgelübde ablegten, da dachte noch niemand an Fremdenverkehr und Passionspauschalen, an Bettenauslastung und Kartenvorverkauf. Da war die Kirche noch keine Photokulisse und Passionsspiele noch kein Werbeträger.

In diesem Jahr werden 500 000 Besucher aus aller Welt zwischen dem 18. Mai und dem 28. September zu diesem großen Religionsspektakel erwartet. Gastwirte, Zimmervermieter und Laienspieler sind gerüstet. Die Show kann beginnen.

Doch auch in Oberammergau hat sich das Gefühl eingeschlichen, die Passion könnte mehr sein als nur eine touristische Großveranstaltung, der Besucher könnte, geschafft von dem zehnstündigen Leidensspiel, geistlichen Beistand suchen.

Die katholische wie die evangelische Kirche planen daher ein umfangreiches Serviceprogramm für die Spielbesucher, das allen geistlichen Bedürfnissen gerecht werden soll. Die Benediktiner des nahegelegenen Klosters Ettal werden sich jener Touristen annehmen, die mit der Passion den Sinn fürs Religiöse wiederentdecken. Die evangelische Kirche will das durchs Leidensspiel geförderte Bedürfnis nutzen und Abendmahlfeiern und Andachten halten. Vorgesehen ist außerdem die Einrichtung eines ökumenischen Zentrums, in dem geistliche Beratung auch auf Englisch erteilt wird.

Der religiöse Veranstaltungskalender zum Passionsspiel soll Mitte April erscheinen. Die kirchlichen Veranstaltungen orientieren sich zeitlich am Spielplan – vielleicht eine sinnvolle Ergänzung.

Vorerst haben Oberammergaus Hirten anderes zu tun: Ihre eigene Herde ist hoffnungslos zerstritten um die Textfassung des einträglichen Spiels. Der 100 Jahre alte, ob seiner antisemitischen Passagen umstrittene Daisenberger-Text siegte über die barocke Rosner-Fassung.

Und seither tun sie sich schwer mit der Nächstenliebe, die Oberammergauer. Die katholische Kirche hat bereits Besinnungstage und Fastenpredigten für die Dorfbewohner angesetzt, eine Nachbarschaftshilfe, die hoffentlich im bevorstehenden Millionenspiel nicht untergeht. put