Berlin: "Heftige Malerei"

Anfang der achtziger Jahre ist die Tafelbildmalerei wieder da. Zwei Richtungen zeichnen sich ab: "Pattern", eher dekorativ-abstrakt (zu sehen augenblicklich, in Aachen, Neue Sammlung, sowie im Berliner Amerika-Haus), und das, was die vier Meisterschüler der Berliner Hochschule für Künste als "Heftige Malerei" bezeichnen, eher expressiv-gegenständlich mit gelegentlich tachistischen Verlaufungen. Urahnen sind zweifellos Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff, Väter ihre tatsächlichen Lehrer, die Zwischengeneration der Hödicke, Engelmann, Koberling. Im Gegensatz zu ihr hat die neue Generation keine Angst mehr vor Pathos, Furor, Überschwang. Helmut Middendorf schließt am direktesten an den guten, alten deutschen Expressionismus an ("Tag und Nacht-Kopf-Pinsel-Gestirn"). Salome (eigentlicher Name: Wolfgang Cilarz) schleudert lebensgroße Porträts der Punk- und Rock-Jugend vehement auf die Nessel-Leinwand, Transvestiten, Gammler, Rauschgift-Dealer, Bert Brecht dazwischen in kurzem, Slip: ein Großstadt-Inferno. Rainer Fetting liebt die Farbkontraste à la Nolde, In ihnen begegnet van Gogh der Berliner Mauer und überragt der Fernsehturm-Ost Werner Heidts "Berlin am Meer". Bernd Zimmer ist der Landschafter unter den Heftigen: monumentale Rapsfelder und Löwenzahnwiesen, grob gezähmte Natur, scheint aus Pinselschlägen entstanden, wild, aber exakt geführt. Bei allen herrscht eine Ekstase wie in Diskotheken: laut, ungezähmt und doch auf bestimmte Weise kühl, unterbetont. Sobald die Musik aufhört, könnte alles wieder normal sein. Selten haben Maler bisher diese neue Art von Jugendgefühl (Ernst Busche im Katalog: "die Großkinder von Marx und Coca-Cola und die Kinder von Warhol, Xerox und Polaroid") derart unmittelbar heftig zum Ausdruck gebracht. (Haus am Waldsee, bis 20. April, Katalog 18 Mark) Wolf Jessen

Tübingen: "Hannah Höch"

1976 fand ihre erste und letzte Retrospektive statt. Hannah Hoch war damals 87 Jahre alt. Zwei Jahre später ist sie gestorben. Noch einmal erinnerten die Feuilletons an sie. Dann ist es wieder ruhig geworden. Die Wirkungsgeschichte der Hannah Höch ist ein eigenes Kapitel und nicht das geringste in der Biographie dieser Künstlerin. Mit dem Beginn einer feministischen Kunstgeschichtsschreibung sind erstmals Zweifel an dem Klischeebild von der großen alten Dame des Berliner Dadaismus laut geworden. War sie bloß die Muse jenes Anarcho-Zirkels der Herren Hausmann, Heartfield, Arp und Huelsenbeck? Die Schülerin gar, die die große Dadaistenentdeckung der Photomontage gelehrig in ihrem Werk verarbeitet hat? Sollte die mangelnde Publizität womöglich damit zusammenhängen, daß sie als Frau in dem dadaistischen Männerorden keinen rechten Platz gehabt hat? Schärfer noch, als es solch immer wieder geäußerter Verdacht vermag, werden die Fragen in der bislang gründlichsten Annäherung an Person und Werk der Hannah Höch gestellt. Die Tübinger Kunsthalle hatte Gelegenheit, den reichen Nachlaß zu sichten. Das Ergebnis ist ein Höch-Paket aus Werkmonographie und Übersichtsausstellung, das mit zahlreichen unveröffentlichten Dokumenten und kaum gezeigten Arbeiten das Bild der Künstlerin von dem der allzu engen Dada-Fixierung ablösen. Hannah Höch erscheint hier höchst eigenständig und künstlerisch unabhängig; Jedenfalls lassen Beispiele früher Photomontagen doch Zweifel zu, ob das überkommene Urteil so einfach weitergereicht werden darf, wonach die Künstlerin das zentrale Ausdrucksmittel der Dadaisten. nur meisterlich ausgeschöpft habe, Freilich erscheint der Nahblick auf die Bildwelt der Hannah Hoch ergiebiger als der Prioritätenstreit, wer nun als erster die Schere in die Hand genommen hat. War die Austauschbarkeit der Photomontage erklärtes Dadaistenziel, so wirken bei Hannah Höch die Klebearbeiten nie so weit ins Anonyme vorgetrieben, bleiben in hohem Maße privat. Diese Privatheit, die die eigenen Verletzungen und Wünsche lieber bei sich behält als aus ihnen Manifeste für die Zerschlagung einer maroden bürgerlichen Kultur zu machen, bleibt Grundzug in Hannah Höchs Arbeit über die Dada-Jahre hinaus, Und sie setzt sich fort auch in der Malerei. Was die Hoch beschäftigt – mal pauschal die bürgerlichen Konventionen, mal direkter ihr problematisches Verhältnis zu ihren männlichen Künstlerkollegen – das erscheint im Bild allemal weniger zynisch, weniger bitter als es die Dadamoral eigentlich erforderte – und oftmals verkleidet mit eigentümlicher, befremdender Symbolik. Ein geschlossenes Werk hat aus so einem Kunstverständnis kaum werden können, das mein auf die eigene Irritation gesetzt hat als auf die experimentelle, zerstörerische Lust. Der eingebaute Widerspruch blieb, bleibt Hannah Höchs künstlerisches Schicksal. Den hat auch Tübingen nicht wegdokumentieren können (Kunsthalle Tübingen bis zum 4. Mai, Kunstmuseum Hannover 18. Mai bis 22. Juni, Von der Heydt-Museum Wuppertal 14. September bis 26. Oktober, Frankfurter Kunstverein Dezember 1980 bis Januar 1981. Katalogbuch vor Götz Adriani, DuMont Verlag Köln, 24,80 Mark)

Hans-Joachim Müller

Wichtige Ausstellungen

Aachen: "Le nouvaux fauves/Die neuen Wilden – eine neue Tendenz in der zeitgenössischen Malerei in Amerika, Frankreich und Deutschland" (Neue Galerie – Sammlung Ludwig bis 7. April, Katalog 12 Mark)