Für die AEG-Aktionäre kommt erst jetzt die "Stunde der Wahrheit". Seitdem ihre Aktien bezogen auf das 3:1 zusammengelegte Kapital notiert werden, ist ihr Kurs von 105 auf 78 Mark, also um mehr als ein Viertel, gesunken. Die Kreditinstitute, die zu Beginn des Jahres AEG/Telefunken-Aktien im Nennwert von rund 310 Millionen zum Ausgabepreis von 300 Prozent übernommen haben, also dafür 930 Millionen Mark bezahlten, handelten sich damit bisher einen Abschreibungsbedarf von mehrmals 460 Millionen Mark ein, wenn sie diese Papiere mit dem gegenwärtigen Börsenkurs bewerten würden.

Zum neuerlichen Kursrutsch mag die Erklärung von Hans Friderichs, Sprecher des Vorstandes der Dresdner Bank und gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender von AEG-Telefunken, beigetragen haben, daß seine Bank nicht daran denke, die übernommenen und bereits im Bestand gewesenen AEG-Telefunken-Aktien auf eine Schachtelbeteiligung aufzurunden. Im übrigen – so wurde bei der Dresdner Bank auch versichert – habe man bisher keinerlei Stützungskäufe versucht.

In Börsenkreisen wird befürchtet, daß der neue Kurszusammenbruch den Sanierungsbemühungen Schaden zufügen könnte. Es ist schwer vorstellbar, daß dadurch etwa die Plazierung der von der Hauptversammlung beschlossenen 155 Millionen Mark Optionsschuldscheindarlehen erleichtert werden wird. Inzwischen wird auch bezweifelt, daß es tatsächlich gelingt, für 1980 ein annähernd ausgeglichenes Ergebnis zu erzielen, wie es der inzwischen ausgeschiedene Vorstandsvorsitzende Walter Cipa auf der denkwürdigen Hauptversammlung im Januar in Berlin in Aussicht gestellt hat.

In letzter Zeit ist wiederholt versucht worden, unter Hinweis auf das Interesse des Bankenkonsortiums, den Abschreibungsbedarf auf AEG-Aktien möglichst niedrig zu halten, Stimmung für diese Papiere zu machen. Aber wer solchen Kaufempfehlungen gefolgt ist, hat jetzt das Nachsehen. Von einer konzertierten Aktion zur Anhebung des Kurses kann bisher keine Rede sein. Schon deshalb nicht, weil zur Zeit die ohnehin begrenzten liquiden Mittel der Banken nicht gerade zum Erwerb weiterer dividendenloser Papiere verwendet werden dürften. Wenn also aktive Kurspflege, dann frühestens am Jahresende. Und ob sie Erfolg haben wird, ist auch noch zweifelhaft. Denn mit Sicherheit wird es Banken geben, die jede Chance wahrnehmen werden, sich zu einigermaßen akzeptablen Kursen von ihren ungeliebten AEG-Aktien zu trennen. Eine wirkliche Kurshilfe kann nur von der Gesellschaft selbst kommen, wenn ihr Vorstand glaubhaft macht, daß es mit ihr wirklich wieder aufwärts geht. K. W.