Leben ist Risiko

Von Thomas von Randow

Einige hatten sich nach dem harten Arbeitstag in ihre komfortablen Zimmer zurückgezogen; andere hielten sich in den Freizeiträumen auf oder saßen im Kino, als sich nach einem dumpfen Knall die künstliche Hotelinsel weit draußen im Meer vor Norwegen schräg stellte. Die Lichter verloschen, Panik brach aus; mehr als zweihundert verzweifelte Männer versuchten durch enge Türen und schmale Gänge ins Freie zu kommen. Viele Schafften es nicht in den zehn Minuten, die noch verblieben, bis der Stahl- – koloß in der See versank. Und von denen, die es geschafft hatten, konnten nur 89 aus dem vom Orkan aufgewühlten Wasser geborgen werden. Ums Leben kamen 123 Ölarbeiter.

Warum am Donnerstag voriger Woche eine der fünf Betonsäulen einknickte, auf denen die Kunstinsel stand, weiß bis heute noch niemand. Irgend etwas hat sich ereignet, was die Sicherheitsingenieure bei der Abnahme der Konstruktion nicht einkalkuliert hatten. Jetzt ist in Norwegen die Diskussion darüber entbrannt, ob die Ölförderung nördlich des 62. Breitengrades nicht allzu riskant sei und darum eingestellt werden sollte.

Energiegewinnung ist von jeher mit Risiken behaftet gewesen. Es gibt kaum eine alte Stadt, die nicht mehrere Male während ihrer Geschichte niedergebrannt ist, weil Feuer aus einem heimischen Herd oder einer Werkstatt-Brennstelle ausgebrochen war. Als das Holz den Energiehunger der Zivilisation nicht mehr zu stillen vermochte und die Menschen begannen, Kohle zu verfeuern, vergiftete der Rauch aus den Schornsteinen an Tagen mit besonders ungünstiger Witterung in den engen Städten die Bürger zu Tausenden. Und noch heute müssen trotz moderner Sicherheitstechnik und Automation pro Milliarde Megawattstunden verbrauchter elektrischer Leistung – das entspricht der Weltproduktion in 50 Tagen – aus Kohlekraftwerken allein in den Gruben unter Tage 189 Menschen ihr Leben lassen; hinzu kommen knapp tausend von der Staublunge verursachte Todesfälle. Überdies forderte der Transport des schwarzen Goldes Jahr für Jahr über hundert Menschenleben.

Wegen der größeren Energiedichte des nuklearen Brennstoffs sind bei der Uranförderung zwar "nur" zwei Todesopfer pro Milliarde Megawattstunden zu beklagen. Doch hat uns vor einem Jahr der Reaktorunfall bei Harrisburg vor Augen geführt, daß das vielfach gestaffelte Sicherheitssystem eines Kernkraftwerks nicht absolut sicher ist. Nur mit knapper Not vermochte die Technik den massierten Fehlleistungen des Kontrollpersonals einigermaßen standzuhalten.

Erdgastanks explodieren, Erdöltanker zerbersten, kollidieren mit anderen Schiffen, laufen auf Grund, vernichten Leben und verdrecken den Lebensraum. Jetzt haben wir – nicht etwa zum erstenmal – erfahren müssen, daß auch die Ölförderung mit Menschenleben bezahlt werden muß.

Sollte es einmal gelingen, in großem Maßstab Sonnenstrahlung in Strom umzuwandeln, würde diese Technik wegen der hohen Energiekonzentration gewiß ebenfalls Unfallopfer fordern,

Leben ist Risiko

Die Menschen haben über die Jahrtausende hinweg gelernt, elementare Bedrohungen ihres Lebens nicht mehr als Schicksal hinzunehmen, sondern sie abzuwehren. Im gleichen Maße jedoch luden sie sich neue Gefahren auf. Die Stelle des Schicksals nahm das Risiko ein, von dem wir meinen, es kalkulieren zu können. In Wahrheit aber begreifen wir es nicht.

Schaudernd betrachten wir den Balanceakt auf dem Hochseil im Zirkus; dann fahren wir mit dem Auto nach Hause, und es kommt uns nicht in den Sinn, daß wir damit ein viel größeres Risiko eingehen als der Turner unter dem Zeltdach.

Besorgte Bürger rotten sich zusammen, um den Bau eines Kernkraftwerks zu verhindern; und viele zünden sich dabei Zigaretten an – die in jedem Jahr in der Welt Millionen von Menschen umbringen – mehr als hunderttausend allein bei uns.

Als die Bevölkerung in Kalifornien aufgerufen wurde, über den Bau des Staudamms im Erdbebengebiet von Sacramento abzustimmen, wählten sie mit großer Mehrheit die nicht unerhebliche Gefahr für Zigtausende, bei einem unerhebliche zu ertrinken – weil der Strom sonst etwas teurer geworden wäre.

Mathematisch gesehen ist Risiko eine klare Sache: das Produkt aus der Unfallwahrscheinlichkeit und der Höhe des zu erwartenden Unfallschadens. Aber wir vermögen mit solchen Kalkulationen nichts anzufangen, wenn die Wahrscheinlichkeit unvorstellbar klein und der Schaden unvorstellbar groß sind. Also treffen wir unsere Entscheidungen dann auch nicht nach dem errechneten Risiko, sondern danach, was uns im Augenblick gerade in den Kram paßt.

Doch wenn dann einmal die winzige Wahrscheinlichkeit Wirklichkeit geworden und der erwartete große Schaden eingetreten ist wie im Nordsee-Ölfeld Ekofisk, dann erschrecken wir vor unserer Risikofreudigkeit, fühlen wir wir überfahren von der Technik, wollen wir nicht mehr wahrhaben, daß wir mit ihr einen faustischen Pakt geschlossen haben.