Von Marion Gräfin Dönhoff, Josef Joffe und Michael Jungblut

Alle sahen gespannt dem Auftritt der beiden Regierungschefs Helmut Schmidt und Margaret Thatcher in Cambridge entgegen, wo in diesem Jahr zum dreißigstenmal die deutschenglische Konferenz stattfand. Die antieuropäische Stimmung unter den zornigen Briten ließ das Schlimmste befürchten. Sie verstehen nicht, wieso England als drittärmstes Land nach Irland und Italien mit 4,8 Milliarden Mark den hochsten Beitrag in die Kasse der Brüsseler Gemeinschaft zahlen muß: "Die EG ist ein Verein zur Bereicherung der Reichen auf Kosten der Armen."

Da war es denn eine rechte Überraschung, die beiden im Hubschrauber von Chequers Herübergekommenen an der abendlichen Festtafel einträchtig nebeneinander sitzen zu sehen. Beide strömten verdiente Zufriedenheit aus, wie sie sich einzustellen pflegt, wenn nach harter Auseinandersetzung ein intelligenter Kompromiß gefunden wurde.

Mrs. Thatchers Rede begann mit einem Zitat von Jerome K. Jerome über die Deutschen: "Für sie ist das Leben mehr als nur ein Wettlauf um Reichtum..." Dabei beugte die Rednerin sich listig zu dem neben ihr sitzenden Bundeskanzler: "Are you listening?" Es war eine Rede, deren Eindringlichkeit, Witz, Festigkeit und Herzlichkeit jedermann anrührte. Bei den Deutschen blieb vor allem der Satz hängen: "Unsere Präsenz in Berlin beweist, daß Eure Interessen die unseren sind und unsere Interessen die Euren." Ein Ausspruch, für den der Bundeskanzler – ihn noch einmal wiederholend – besonders herzlich dankte.

Die allenthalben als Eiserne Lady apostrophierte Premierministerin, die sicherlich eisern in ihrer Entschlossenheit und Beharrlichkeit ist, besitzt überraschend viel Charme, was bei solch einem Epitheton nicht ohne weiteres zu erwarten ist. Sie arbeitet täglich 19 Stunden und ist schon allein deshalb der Schrecken der sie dennoch bewundernden Männer ihrer Umgebung. Ihr Botschafter in Bonn, Sir Oliver Wright, der zur Downing Street 10 bestellt worden war, um ihr die Deutsch-Englische Gesellschaft und anstehende Probleme vorzutragen, sagte, es sei wie ein Verhör beim Staatsanwalt gewesen: "Päng, päng, päng... rasche, bohrende Fragen, ganz konzentriert, keine Abschweifung."

Für die Deutsch-Englische Gesellschaft war diese Konferenz mit dem Titel "Europa neu gefordert" eine Art Höhepunkt: brillante Einleitungsreferate für die vier Gruppen, scharfe Diskussionen, kompetente Vertreter auf beiden Seiten und das Ganze in der sehr privaten Atmosphäre freundschaftlicher Fairneß, wie sie nur in der Vertrautheit dreißigjähriger Erfahrung heranwächst.

Ist die Afghanistan-Krise in Wahrheit eine Krise der West-West-Beziehungen? Dies war das bestürzende Fazit eines deutschen Teilnehmers – nicht ganz zu Unrecht, wie die dreitägige Diskussion mit den Engländern zeigte: Die Briten predigten Festigkeit und Solidarität mit den Amerikanern um jeden Preis, die Deutschen plädierten für Besonnenheit: "Wir dürfen die Asienkrise nicht nach Europa importieren."