Von Christian H. Hoffmann

Die Diskussion um die "Grünen" und "Alternativen" wird von einer Reihe merkwürdiger Vorurteile und falscher Schlußfolgerungen bestimmt: Manche Autoren fürchten den Zusammenbruch unserer Wirtschaftsordnung, wenn der Drang zu alternativen Lebensweisen anhalten sollte; andere schelten die Alternativen als unproduktiv; wieder andere befürchten eine geistige Kulturrevolution.

So meinte Michael Jungblut vor einigen Wochen in der ZEIT Nr. 50: "Wenn nun ein großer Teil der Jugend auf der Suche nach dem alternativen Leben wieder so unproduktiv wie unsere Vorfahren wirtschaften wollte, dann müßte auch das Angebot von Krankenhäusern, Schulen und Universitäten, an Wissenschaft und Forschung, Freizeit oder Alterssicherung wieder auf das Niveau zurückgeführt werden, das mit einer naturnahen Lebensweise vereinbar ist. Die Bereitschaft zum einfachen Leben muß dann zwangsläufig auch die Bereitschaft einschließen, den Hunger wieder als einen ständigen Begleiter zu akzeptieren."

Der positiven Bedeutung alternativer Lebensformen für unsere Gesellschaft wird ein solches Urteil überhaupt nicht gerecht. Die "Alternativler" sind durchaus produktiv. Was ist überhaupt produktiv? Nur eine Produktionsweise, die durch die Arbeitsteilung in der Lage ist, Produkte in Massenauflage herzustellen? Die Produkte, die in der alternativen Szene hergestellt werden, sei es natürlich angebautes Gemüse oder ein handwerklich hergestelltes Gut, unterscheiden sich wesentlich von den Massenwaren, die uns umgeben; Sie sind reiner, individueller, von besserer Qualität und tragen somit zu einer Verbesserung des Wohlbefindens ihrer Konsumenten bei. In diesem Sinn sind die Alternativen also produktiv und ihre Produkte sind Innovationen, die das Lebensgefühl steigern können.

An der amerikanischen Westküste, in San Francisco, gibt es heute eine Vielzahl von Läden, wie den "Tassajara Bread Shop", "Say Cheese" oder die "Food Cooperative", in denen biologisch angebautes Obst und Gemüse verkauft wird, Pflanzenläden wie "Rootiments" oder Möbelgeschäfte wie "Gentie Wind", das sich auf japanische Faltbetten spezialisiert hat, und es gibt viele kleine Restaurants wie "Vegi Food", "Diamond Sutra" oder "Dipti Nivas", in denen mit reinen Lebensmitteln gekocht wird. Es sind keineswegs nur Künstler und Alternativler, die dort kaufen. "Green Gulch", der Name der Farm des Zen Centers von San Francisco, hat die "chiquita banana" als Qualitätssymbol abgesetzt.

Der "renaissance fair" – ein riesiger, altmodischer Jahrmarkt, wie es ihn im elisabethanischen Zeitalter gegeben haben mag findet an mehreren Wochenenden im Herbst statt. Hier verdienen etwa 150 Künstler und Kunsthandwerker soviel Geld, daß sie davon ein Jahr lang Leben können. Die Käufer erhalten dafür Güter, die ihnen die amerikanische Wirtschaft sonst nicht bieten kann.

Der amerikanische Markt hat sich erstaunlich offen gezeigt für solche Innovationen. Und die Produkte derjenigen, die sich zunächst aus der Gesellschaft zurückgezogen hatten, haben inzwischen ihren Weg in die bürgerliche Gesellschaft gefunden.