Kanzlerkandidat Strauß öffnete die Schleusen für eine Diskussion, die er früher für höchst unpassend erklärt hatte: Kann, soll die Union mit der FDP eine Koalition in Bonn eingehen? In der Bild-Zeitung erklärte er: "Wenn Herr Genscher aus Gründen der Staatsraison bereit wäre, die Bundesrepublik handlungsfähig zu erhalten, würden wir ihm die Hand reichen." Generalsekretär Geißler meinte kurz darauf, eine Koalition sei sogar bei einer absoluten Mehrheit der Union möglich.

Der FDP-Generalsekretär Verheugen bestellte kühl, die FDP wolle sich nicht am Bau von Koalitionsluftschlössern beteiligen. Die Liberalen wollen auf jeden Fall vermeiden, daß sie in eine Koalitionsdebatte hineingezogen werden, deshalb hat keiner von ihnen inhaltlich zu Strauß Stellung genommen. Im übrigen registriert die FDP nicht ohne Genugtuung, daß ihr von der CDU bestätigt wird, ihre Politik sei richtig; damit werde es vielen zweifelnden CDU-Anhängern erleichtert, im Herbst die FDP zu wählen.

Merkwürdig bei dieser Geschichte ist allerdings, wie sehr Strauß da seine Meinung gewechselt hat. Einer seiner Hauptvorwürfe gegen Kohl war ja, er pflege zu sehr dieFDP. Kurz nach der letzten Bundestagswahl hatte Strauß in kühner Bildhaftigkeit gewettert: "Wer jetzt noch weiter der FDP hinten rein kriecht, der schwebt doch in Wirklichkeit in einem Heißluftballon – ob das Helmut Kohl ist oder sonstwer." Wer schwebt jetzt im Ballon?

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Die Männer der ersten Stunde werden rar in Bonn. Von den sechs Abgeordneten, die seit 1949 ununterbrochen dem Bundestag angehören, kehren nur zwei mit Sicherheit wieder: Richard Stücklen, der Bundestagspräsident, und Herbert Wehner, der SPD-Fraktionsvorsitzende. Richard Jaeger (CSU) wurde in seinem Wahlkreis nicht mehr aufgestellt und hat den Kampf um einen Platz auf der Landesliste nicht mehr aufgenommen. Erich Mende, einst FDP-Vizekanzler, jetzt hessischer CDU-Abgeordneter, hat seinen Wahlkreis einem verdienten jungen Landespolitiker abtreten müssen, der in die Bundespolitik überwechselt. Auf der Landesliste kam er nicht zum Zuge, und die Chance; in einem anderen Landesverband Unterschlupf zu finden, ist gering. Noch nicht ganz entschieden ist auch, ob Gerhard Schröder, Minister in vielen Kabinetten, im Herbst wiederkehrt. Gewiß ausscheiden wird dagegen der SPD-Abgeordnete Erwin Lange, der einzige Hinterbänkler unter den Altgedienten. Er wird nur noch Europa-Abgeordneter sein.

Im Europäischen Parlament endet manche politische Karriere, die in Bonn begonnen hat. Dem Gebot, Doppelmitgliedschaft in beiden Parlamenten zu vermeiden, mußten, sich die Abgeordneten der CDU Kai-Uwe von Hassel und Erik Blumenfeld fügen; Philipp von Bismarck hat schon im letzten Jahr die Konsequenzen gezogen und ist nach Straßburg übergewechselt. In der FDP scheidet Bangemann wegen seiner europäischen Pflichten aus, und in der SPD geben Katharina Focke und Bruno Friedrich ihr Mandat ab.

Die Liste älterer, erfahrener Abgeordneter, die nicht mehr nach Bonn kommen, ist nicht gerade kurz: Johann Baptist Gradl und Hans Edgar Jahn, Botho Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein in der CDU, Heinrich Aigner von der CSU, Walter Arendt, Rolf Meinecke, Alfons Bayerl, Fritz Schäfer, Hermann Dürr, Lauritz Lauritzen in der SPD, in der FDP Werner Maihofer. In der SPD scheint diesmal der Generationswechsel besonders gründlich auszufallen.