Von Wolfram Runkel

Andras Adorjan kommt schon fünf Minuten vor Spielbeginn in den Konferenzraum 2 des modernen Hotels, in dem sonst Jungmanager Marktstrategien diskutieren.

Adorjan schüttelt stumm die Hände des Hauptschiedsrichters Henk Folkerts aus Holland und seines Assistenten, mischt sich einen Milchtee, setzt sich an den Tisch mit den 64 Feldern und den 32 Figuren, die schon jetzt, noch brav in Reih und Glied, eine Spannung, ausstrahlen, als könnten die Springer, Läufer und Türme es nicht mehr erwarten zu springen, zu laufen und zu türmen.

Die Stille wird plötzlich unterbrochen. Adorjan klopft beim Teerühren mit dem Löffel an sein Teeglas, als wollte er eine Rede halten. Doch von Rede keine Spur. Die auf fünf Stunden geplante Konferenz ist eine Konferenz des Schweigens, es handelt sich um die 5. Partie des Viertelfinal-Kampfes um die Schachweltmeisterschaft zwischen dem 29jährigen ungarischen Großmeister Adorjan und dem 31jährigen deutschen Großmeister Robert Hübner, der in diesem Augenblick, nach vier der insgesamt zehn Partien, nach einem Sieg und drei Remis mit 2 1/2: l 1/2 Punkten führt.

Was Adorjan mehr deprimiert als die verlorene Partie und die Zuschauer mehr ärgert, ist freilich das Remis der 4. Partie, in der Adorjan mit Weiß, also mit Anzug und besseren Gewinnchancen, schon nach 18 Zügen einer bekannten Variante der französischen Verteidigung auf den Sieg verzichtete und dem Gegner das Unentschieden anbot.

Schon nach einer Stunde mußten die rund hundert Zuschauer, die für zehn Mark Eintritt fünf Stunden Spiel erwarten durften und immerhin auf achtzig Arm- und Figurbewegungen gehofft hatten, wieder nach Hause – betrogene Liebhaber des königlichen Sports. Die Frage war: Wollte Adorjan etwa gar nicht gewinnen?

Jetzt vor der 5. Partie wirkt er reichlich nervös, sieht ängstlich in die Runde, verläßt den Konferenzsaal zur Toilette.