Von Peter Wapnewski

Am vergangenen Sonntag wurden die Osterfestspiele Salzburg, "Künstlerische Gesamtleitung Herbert von Karajan", eröffnet. Und zwar mit Richard Wagners Bühnenweihfestspiel "Parsifal". Der Premiere wird in diesem Jahr nurmehr eine weitere Aufführung folgen, am Ostermontag – wer es unter solchen Umständen zum Besitz einer Karte gebracht hat, darf von einem Wunder reden.

Auf eben dieser Eintrittskarte ist zu lesen: "Die Besucher werden gebeten, ihre Kleidung dem festlichen Charakter der Veranstaltung anzupassen." Solche Aufforderung läßt sich rechtfertigen (zu schweigen davon, daß sie sich in Salzburg erübrigt). Was das Orchester angeht: die Berliner Philharmoniker spielten im Straßenanzug. Es heißt, das hinge zusammen mit der besonderen Art der Bühnenbeleuchtung, einem reflektierenden Licht, das nicht nur von den Vorhangschleiern, sondern auch von den weißen Hemden der Musiker zurückgestrahlt worden wäre.

Die süße und böse Lust

Um beim Bühnenbild zu bleiben (Schneider-Siemssen): Es bestand. im wesentlichen aus Projektionen. Am Anfang ein laubig-deutscher Wald, dann ein Gralstempel, der in einem blechernen Grau wie eine kunstgewerbliche Weihehalle wirkt, in deren Mitte eine Art von Altaraufbau. Auch Klingsors Zauberschloß spart streng mit Meublement, ist indessen noch als üppig zu charakterisieren verglichen mit dem kargen Spielfeld seines Zaubergartens: Er besteht aus der blanken Fläche der unendlich weiten Bühne und einem Hintergrundprospekt mit sich verändernden Lineaturen. Man mag in ihnen botanische Strukturen erkennen – vermutlich aber sind wir in Fällen wie diesem gehalten, an Geschlechtssymbole zu denken; das ist auch unschwer möglich: Es geht um das Weib als den verführenden und gebärenden Schoß. Indessen sind diese optischen Signale doch eher karg zu nennen verglichen mit Wagners Bühnenanweisung, die "tropische Vegetation, üppige Blumenpracht" fordert, und die Schloßbauten als solche "arabisch reichen Stiles" bestimmt. Davon ist hier nichts mehr zu entdecken – und ist doch so wohl begründet, denn dies ist ein Ort der Verführung, einer der süßen und bösen Lust. In der Tat ist Joachim Kaiser zuzustimmen, der schon vor Jahren energisch darauf hingewiesen hat, daß Wagner zwei dramaturgisch höchst bedeutsame Ortsangaben macht: Die Gralswelt siedelt in einer "Gegend im Charakter der nördlichen Gebirge des gotischen Spaniens"; und ihre Gegenwelt, die Klingsors, ist "dem arabischen Spanien zugewandt anzunehmen" – damit ist dem Regisseur wie dem Bühnenbildner eine wichtige und hilfreiche Ortsbeschreibung gegeben, sie zu nutzen hieße nichts anderes als den Geist des Werkes herauszuarbeiten und ihn aus der Antinomie von Straßburger Münster und Alhambra zu verstehen.

Auch die Karfreitags-Aue des dritten Aufzugs will, tausend Blumen zum Trotz, nicht recht blühen. Es ist dies alles arrangiert wie für einen Schwarz-Weiß-Film, und unfrohe Grau-Stimmung lastet mürrisch über der Szene. Die sich nicht etwa farbiger aufhellt dank den Kostümen (Georges Wakhevitch). Kundry zumindest, sie hätte in der Verführungsszene Anspruch auf ein leuchtendes Gewand gehabt, statt dessen muß sie einen dunklen weiten Kaftan tragen, man hört "Urteufelin, Höllenrose und Herodias", man denkt Lilith und Eboli und Lulu und weiteres – und man sieht Rose Bernd. So leicht sollte Parsifal die Bewährung der Standhaftigkeit denn doch nicht gemacht werden.

Nacktheit durch Pracht ersetzen