ARD, Sonntag, 30. März: "Unsere kleine Stadt", Film von Edmund Wolf

Eine kleine Stadt, irgendwo in den Vereinigten Staaten: Ames im Bundesstaat Iowa. Eine Universität mit einem Studentenchor, der während der Wahlkampagne an die Geburt Jesu Christi erinnert; ein Bürgermeister, der zugleich Geistlicher ist; ein Polizist und ein Millionär; Arbeiter in einer Fleischfabrik und die Society am Kamin; dazwischen Kennedy, Reagan und, in Stellvertretung ihres Mannes, Madame Carter, die den in der Universität versammelten Bürgern zuruft: "Ich bin stolz darauf, Ihnen sagen zu dürfen, daß Jimmy ein guter Präsident ist."

Eine kleine Stadt, die während der Vorwahlen ein paar Wochen lang den Charakter einer Provinzmetropole gewinnt. Und dann wieder in die Lethargie des total platten Landes versinkt, mit Orgel und Baseball, mit Schweinezucht (das mit Medikamenten durchsetzte Futter computergesteuert), mit Weizenexport und happy birthday to you. Die Stadt und darin die kleinen und die großen Leute, die sich in schlichter Rede, ich bin für Carter, ich bin ein Republikaner, über die Charaktereigenschaften ihrer Favoriten ergehen, naiv und problemfern, liebenswert und auf bescheidenem Reflexionsniveau – so hat Edmund Wolf die Frauen und Männer von Ames, der durchfahrenen und vom Flugzeug aus gefilmten Stadt, vor die Kameras geholt. Menschen stellten sich vor, die über Politiker wie über Waren sprachen (und wie Waren werden sie ja auch verkauft, in Iowa und anderswo).

Das alles wurde ein bißchen elegisch, mit einer Andeutung abendländischen Kopfschüttelns in Szene gesetzt. "Jimmy, meine Freunde, ist ein guter Präsident": Den Kommentar zu diesem Text überließ Edmund Wolf der Sprecherin selbst, Frau Rosalynn und den Zuschauern, die begeistert klatschten, als die First Lady erklärte, wie stolz sie darauf sei, einen solchen Satz sagen zu dürfen. Kein Wort der Kritik und Herablassung also – und doch zeigte die Art der Szenenführung, die Präsentation der gleichen vorgestanzten Aussagen, die Kamerahandhabung und das Gegeneinander von vermeintlich großer und vermeintlich kleiner Welt an, was der Autor sich dabei dachte: In Cambridge und im kaiserlichen Wien, verehrte Betrachter am Bildschirm, wäre dergleichen nicht möglich gewesen, und ich frage mich – ich, Edmund Wolf –, ob das wirklich gegen Wien und Cambridge spricht.

Zuviel hineingelegt in den Film? Zurückhaltung als hinterlistige Kritik mißdeutet? Ich glaube nicht. Der Titel, denke ich, spricht für sich selbst. Unsere Stadt: Das ist jene von Thornton Wilder beschriebene amerikanische Einerlei-Lokalität, in der die Leute glücklich und zufrieden leben, aber blind sind, weil sie nicht verstehen, wer und wie sie eigentlich sein könnten. "Begreifen die Menschen jemals das Leben?", fragt, auf die Erde zurückgekehrt, eine Verstorbene. Und der Spielleiter von Our Town antwortet. "Nein". Momos