Von Günter Herburger

Nutzen und Verachtung der Poesie – so lautete mein In Thema, das ich mir – ziemlich schwungvoll – aus Furcht vor der Aufgabe, in einem Sommersemester an der Gesamthochschule Essen zu lesen, ausgesucht hatte.

Die Bedingungen waren beinahe gewerkschaftlich korrekt: Alle vierzehn Tage an zwei folgenden Abenden doppelstündiger Vortrag; Geld, nach Abzügen, in Höhe eines gemäßigten Facharbeiterlohns, den ich dringend benötigte; Übernachtung bei Freunden nahe des Ruhrschnellwegs, was sich während dieser mühereichen Zeit als Labsal erwies.

Bereits die Hinreise zwang mich in ein klammes Elend von vormittags bis in die Dunkelheit hinein, wenn ich endlich ankam: noch den Rhein, die kreischenden Abteile der Bundesbahn und die Zementabteien der Ebenen im Sinn. Dazu gehörte auch eine seit Jahren zunehmend erkennbare Bildungsnot, der ich mich nun stellen wollte; hinter ihr jagte ich schon lange her, wie der Pilot Pirx aus einem Lem’schen Weltraumbuch, weil ich es, leider, in meiner Jugend nur sehr kurz bei Studien ausgehalten hatte, sei es aus Ungemach, sei es aus Gier nach Lebenserfahrung.

Zunächst wurden alle meine Erwartungen bestätigt, als ich aus dem Essener Hauptbahnhof trat, durch die verödete Kaufschlucht der zentralen "Fußgängerzone" schritt, in der nur noch ein paar Jugendliche bei einem wasserüberrieselten Leuchtbrunnen aus senkrechten Neonwalzen standen. Ich trank in einem altdeutsch formierten Stehrestaurant sofort ein Bier und aß salzige "Pommes", wie dort, am Ende unserer Zivilisation, die Schnellstausgabe der Nahrungskette genannt wird. Auf einer sich senkenden Pflasterstraße geriet ich dann in das Pornoviertel, wo ich später aus Abhärtungsverlangen mehrmals in eines der Dauerkinos ging. Rührendster Eindruck – das bleiche, herausgezerrte, dünne Glied eines Rentners neben mir vor der stöhnenden Leinwand.

Jenseits von hintereinanderliegenden Verkehrsadern und einem Korridor unter den Gleisen des Güterbahnhofs steht auf dem fast vollständig "sanierten" Gelände eines ehemaligen kommunistischen Wohngebiets die siebenundsiebzigeckige Gralsburg der Gesamthochschule, deren Baumodul gekränkte Westwallfanatiker ausgedacht haben müssen: eine Art sich selbst perennierender Kommandofestung aus Beton und Glas; aber, wurde ich belehrt, ihre Eisenteile würden selbständig oxydieren, sozusagen freihändig geschmacklich verrosten, meines Wissens zum erstenmal von einem Kirchenarchitekten namens; Dahinten in Zürich und Brazzaville ausprobiert.

Wer nicht die richtige Eingangsluke erwischt, A 6 oder L 2, verirrt sich schonungslos, wird von einem der überlasteten Pförtner einfach aufwärtsgeschickt. Die Innenwände der Lifts sind zerkratzt und mit sarkastischen Sprüchen versehen; auf den verlassenen Zementstiegen liegen leere Kakaotüten und, meine ich, geheimnisvoll gekreuzte Trinkstrohhalme, die Zeichen geben sollen.