• Herr Lichtenberg, die deutsche Elektrizitätswirtschaft hat sich in diesen Tagen verpflichtet, in Zukunft noch mehr Steinkohle als bisher zu verströmen, und zwar statt rund 33 Millionen Tonnen nun bis zu 47 Millionen. Was bedeutet das für die Elektrizitätswirtschaft?

Lichtenberg: Wir müssen diese zusätzlichen Kohlemengen unter die Kessel bringen, folglich müssen wir zusehen, diese Mengen auch einzusetzen, um den künftigen Stromzuwachs decken zu können. Das heißt konkret, wir müssen neue Kohlekraftwerke bauen. Zum Teil sind sie ja bereits im Bau.

  • Wieviel Kohlekraftwerke müßten denn gebaut werden, um diese zusätzlichen Kohlemengen zu verströmen?

Lichtenberg: Das, was wir bis 1995 zusätzlich verströmen müssen, entspricht etwa einer jährlichen Elektrizitätskapazität von rund 10 000 Megawatt. In Kraftwerke umgerechnet wäre das die Kapazität von etwa 20 Kraftwerken der Größenordnung von etwa 500 Megawatt. Aber natürlich werden nicht nur große Kraftwerksblöcke gebaut werden, sondern auch viele kleine Kraftwerke, zum Beispiel Kraftwerksblöcke mit 50 bis 100 Megawatt Leistung; Das sind dann sogenannte Fernheizkraftwerke, die in den Städten zur Versorgung der Bevölkerung mit Fernwärme und Strom gebaut würden.

  • Bedeutet die Verpflichtung der Stromwirtschaft, mehr Steinkohle als bisher zu verströmen, nicht gleichzeitig einen Rückschlag für die Kernenergieindustrie, die ja nun entsprechend weniger Kernkraftwerke bauen kann?

Lichtenberg: Das glauben wir eigentlich nicht. Die politische Basis für den Ausbau der Kernenergie müßte jetzt gegeben sein. Die Verstromung der Steinkohle deckt nur etwa 30 Prozent unseres Elektrizitätsbedarfs. Die restlichen 70 Prozent werden wie bisher aus Braunkohle, zunächst auch noch aus etwas Öl und Gas sowie aus Kernenergie erzeugt werden. Außerdem benötigen wir die Kernenergie zur Deckung der Grundlast, also jener Strommenge, die permanent im Netz vorhanden sein muß. Denn der Steinkohlestrom ist nicht für die Deckung der Grundlast gedacht, er ist zur Deckung der Mittellast vorgesehen. Deshalb ist das Kernenergieprogramm nicht beeinträchtigt, im Gegenteil meinen wir, daß mit dem jüngsten Kohlevertrag die Voraussetzung dafür geschaffen ist, endlich die Theorie aufzugeben, wonach die Kernenergie nur zur Deckung des Restbedarfs eingesetzt werden soll.

  • Aber das im Energieprogramm der Bundesregierung angestrebte Ziel, 40 000 Megawatt Strom aus der Kernenergie zu erzeugen, dürfte auf keinen Fall erreicht werden?