Vor Jahren kam ein junger homosexueller Mann vom Lande zu mir und sagte, er wolle sich nur noch vergewissern. Ein Professor habe ihn vor kurzem untersucht und gesagt, die moderne Medizin könne das, was ihn quäle, durch einen operativen Eingriff ins Gehirn anstandslos beseitigen. Die Untersuchung habe etwa zehn Minuten gedauert, und der Operationstermin sei gleich festgesetzt worden. Damals hielt ich schon fast alles für medizinisch möglich. Das aber nicht. Ich hatte einiges gesehen, erlebt und gelesen: daß zu Charcots Zeiten Millionen von "hysterischen" Frauen kastriert worden waren; daß sich Patienten selber entmannen; daß biedere Ärzte jahrelang an minderjährigen Patienten sexuelle Handlungen vornehmen; daß noch heute Ärzte Psychopharmaka, Antihormone oder Fausthandschuhe gegen Onanie verordnen; daß Männer darum bitten, die Scheide ihrer Frau operativ den Mafienihres Geschleditswerkzeuges anzupassen; daß seelisch Kranke elektrisch geschockt werden cfefcß Ätzts sexuelle 1 Reaktionen- kleiner Kinder als piie£tische diagnostizieren und so werter und so fort. Ich hatte die Medizin ohne Fred Mielke gelesen und wußte, welche Verbrechen NS Ärzte im Zusammenspiel mit Konzernen begangen hatten. Ich kannte schon aus nächster Nähe Brechts "Geschlecht erfinderischer Zwerge", das "für alles gemietet" werden kann. Mein Vertrauen in die ethische Kraft unserer Medizin war bereits brüchig geworden.

Doch als der junge Mann vom Lande vor mir saß, wollte ich seine "Geschichte" nicht glauben und schloß zunächst die Augen. Einen normalen Homosexuellen, der sich gerade in jenem Konflikt befand, den alle durchzustehen haben, wenn auf die innere Gewißheit, anders als andere zu sein, der ausgestreckte Zeigefinger gerichtet wird — einen solchen Menschen nur deshalb und in dieser Lage einer Operation am Gehirn unterziehen wollen? Wer war da krank, abnorm, unmoralisch oder gemeingefährlich? Der Mann vom Lande?

1worden. Der Operateur Gerhard Dieckmann meint 1977 im Forschungsbericht der Universität des Saarlandes: Auf diese Weise können "homosexuelle Verhaltensweisen kontrolliert und den Forderungen der Gesellschaft angepaßt werden". Die Rede ist von der sogenannten Psychochires geht. Als psychochirurgische Eingriffe bezeichne ich solche, die am morphologisch gesunden Gehirn mit dem Ziel vorgenommen werden, Erlebens- und Verhaltensbereiche eines Menschen durch das Zerstören oder direkte Reizen von Hirngewebe zu beseitigen, zu beeinflussen oder zu kontrollieren. Hirnoperationen wegen einer organischen Nervenerkrankung, zum Beispiel wegen eines Tumors, sollten nicht mit diesen Eingriffen vermengt werden. Gott sei Dank möchte bei weitem nicht jeder Neurochirurg auch ein Psychochirurg, ein "Seelen Schneider", sein, wie der Wissenschaftsjournalist Egmont R. Koch sie nannte.

Seit einigen Jahren sind wir Zeugen einer zweiten Welle der Psychochirurgie. Die erste hatten Antonio de Egas Moniz und Almeida Lima 1935 mit der "klassischen" Leukotornie eingeleitet. Danach wurden zahllose Techniken entwickelt und an ein- bis Zweihunderttausend Patienten ausprobiert. Ich nenne nur die sogenannte Topektomie, bei der einfach der größte Teil des Stirnhirns herausgeschnitten wurde, und die sogenannte transorbitale Leukotornie, bei der ein "Eispickel" genanntes Operationsinstrument unmittelbar über dem Auge des Patienten durch den Knochen hindurch sieben Zentimeter weit ins Gehirn hineingetrieben wurde, um dann mit Kreisbewegungen gesundes Stirnhirngewebe zu zerstören. Zur "Betäubung" wurde ein Elektro , schockgerät benutzt. Die häufigste Spätkomplikation war eine traumatische Epilepsie, die nach Walter Jackson Freeman, Erfinder der "Standard" Leukotornie und genannt. Jack, the wiederholtemEingriff in 53 Prozent der "Fälle" vorkam.

Heute sind die- Operationen zwar technisch Verfeinert, oft "stereotaktisch", das ; heißt räumlieh gezielt und im voraus beredinet, aber bei weitem! nicht so "fein" und "schonend", wie die Operateure behaupten. Heute wird eine "kleine". Läsion neben die andere gesetzt, dreißig, vierzig" fünfzig, Millimeter um Millimeter wird Hirnsubstanz verbrannt, nicht selten auf beiden Seiten und in verschiedenen Regionen. Heute wird stereotaktisch leukotomiert, und die, Sonde reicht weiter. Aber selbst die grobschlächtigen messerchirurgischen Eingriffe werden nicht all ,gemein als überholt angesehen. Führende Psychochirurgen verfechten und praktizieren solche Techniken der ersten Leukotomie Ära bis zur Stünde, voran der Amerikaner William B. Scoville, Präsident der internationalen Fachgesellschaft, der sein Orbital undercutting, eine Rindeminterschneidung mit dem Skalpell, als Universaleingriff für seelische Erkrankungen schlechthin propagiert. Die Ideologie mancher Operateure ist heute noch menschenfeindlicher, weil gemeingefährlich im Siane des Wortes; die "therapeutische" Aggressivität vieler Psychochirurgen ist heute noch rasender. Es geht weiß Gott nicht "nur" um Homosexuelle. Ich wüßte gar nicht, welche seelische Erkrankung, welche soziale Auffälligkeit sie melden, nicht wegbrennen zu können — Wirtschafts- und Weißkittelkriminalität vielleicht ausgenommen.

Diese Entwicklung, dieser Mißbrauch der Medizin spielt sich nicht im Osten, sondern im Westen ab. Hier handelt es sich auch um einen Mißbrauch der Psychiatrie, weil die Operateure ohne den Zuliefererdienst biologischer Psychiater hätten schon lange Skalpell und Sonde wieder weglegen müssen. Die UdSSR hat derartige Eingriffe bereits 1950 gesetzlich verboten. In. der DDR hat die "humanitas", eine führende "Zeitung für Medizin und Gesellschaft", vor wenigen Wochen psychochirurgische Eingriffe als inhuman gegeißelt. Nach allem, was wir wissen, hat bisher, ausschließlich ein gewisser Pavel Nädvornlk in Bratislava solche Eingriffe aus sogenannter psychiatrischer Indikation durchgeführt.

Er hat die Idee von den westdeutschen Psychochirurgen übernommen, die international führend sind. Sie haben etliche Eingriffe zum erstenmal durchgeführt und neue "Anwendungsbereiche" behauptet. Namentlich, die stereotaktische Hyweichendem Sexualverhalten können sie auf ihrem Konto verbuchen. Die amerikanischen Psyehochirurgen, ansonsten weiß Gott nicht zimperlich, haken sie übrigens technisch nicht für machbar. Selbst von solcher Kritik unbeeindruckt, haben Gerhard Dieckmann und Rolf Hassler schon 1976 im "Deutschen Ärzteblatt" propagieren dürfen, was sie glauben erfolgreich "behandeln" zu können. Ich zitiere: Angst und Spannung, Depressionen, Schizophrenie, Zwangserscheinungen, aggressive Verhaltensweisen, sexuelle Verhaltensstörungen und Smchtverhalten. Natürlich werden auch Kinder, selbst unter fünf Jahren, operiert, bei uns und anderswo. So hat GerEara Dieckmann nach eigenen Angaben zwischen den Jahren 1964 und 1975 a u f diese Weise 57 Kinder "behandelt. Der sehr einflußreiche Inder V, Balasubramaniam hatte bis 1970 bereits mehr als 150 Kinder, die als "aggressiv" bezeichnet worden waren, an den Mandelkernen des Gehirns stereotaktisch operiert. Er bezeichnet die Psychochirurgie als "sedativ und versteht darunter jenen Zweig der Neurochirurgie, der es erlaube, "durch eine Operation einen Patienten ruhigzustellen und handhabbar (manageable) zu machen". Bei ihm betrug die Operationsmortalität acht Prozent. Das heißt: Jedes zwölfte Kind starb an den unmittelbaren Folgen des Eingriffs. Das ist Vernichtung, von Leben mittels ;ärztlicher Kunst".