Von Fritz J. Raddatz

Engagement und eisige Distanz, Hochmut und leidenschaftliche politische Teilnahme, der Wunsch nach Wirkung und die Sehnsucht nach Einsamkeit: ein Zusammenprall der scheinbar krassesten Widersprüche prägt den Literaturbegriff des letternsüchtigsten Schriftstellers des 20. Jahrhunderts; oder ist es ein Zusammenfall?

"Wir richten uns umsonst zugrunde; der Mensch ist eine nutzlose Eigenschaft", heißt es als bittere Summe seines Denkens am Ende von "Das Sein und das Nichts"; aber von der Resistance bis zum Mai 1968, von Algerien über den emphatischen Zuruf zu Frantz Fanons kommunistischem Manifest der Antikolonialen Revolution – "Wie rassistisch sind doch unsere schönen Seelen" – bis zum belächelten Greis, der auf den Boulevards die einst von George Sand begründete Gauchisten-Postille "La Cause du Peuple" verteilt, oder zum gehämten Besucher voller Protest gegen Andreas Baaders Haftbedingungen: Der Name von Jean-Paul Sartre steht seit Jahrzehnten für den leidenschaftlichen Kampf des Intellektuellen gegen Herrschaft, Macht und Gewalt.

Und dennoch ist da immer ein Stück Unberührbarkeit, eine fast trotzige Zone von ungelöstem Geheimnis und an Verachtung grenzende Menschenscheu. In einem seiner ausführlichsten Interviews konnte Michel Contat, Mitherausgeber der Plei’ade-Ausgabe von Sartres Schriften, ihn 1975 zu so expliziten wie widersprüchlichen Selbstaussagen verlocken. "Ich mag Leute meines Alters nicht", sagt der damals Siebzigjährige, schon fast völlig Erblindete, "sie sind alt, sie fallen einem auf die Nerven Und während er sich eben noch als Anarchisten bezeichnet, als jemand, der das falsche Etikett "Existentialist" dem noch falscheren "Marxist" vorzöge, sagt er zugleich mit der prometheischen Geste seiner Jugend: "Ich schätze Menschen, die alles wollen. Auch ich habe alles gewollt."

Sartre hat Millionen Menschen bewegt – und Millionen verdient; John Huston zahlte ihm allein 25 Millionen Francs für das (jahrelang verschollene, erst kürzlich wieder aufgefundene) 1000-Seiten-Drehbuch für einen Sigmund-Freud-Film; die Gesamtauflage seiner Bücher nur in Deutschland beträgt fast vier Millionen; die Kellner der Montparnasse-Cafés lieben ihn wegen seiner übertrieben großen Trinkgelder, und Simone de Beauvoir wurde einmal auf gemeinsamer Reise von der Hoteldirektion diskret wegen der enormen Bündel großer Scheine ermahnt, die ihr Begleiter stets aus der Tasche zog. Aber besitzen tut Sartre nichts – kein Haus, kein Château, kein Auto, keine Lebensversicherung. Sartre sagt heute mit André Gide: "Ich habe mein Werk getan, ich habe gelebt...", gesteht frei: "Es hat mehrere Frauen in meinem Leben gegeben; Simone de Beauvoir war zwar in gewisser Weise die einzige, aber es waren doch mehrere" – und fügt sogleich hinzu: "Das einzige, das ich wirklich gern tue, ist an meinem Schreibtisch sitzen und schreiben."

Und der so oft an ihn gestellten Frage, gar Forderung linker Freunde, wieso er nicht lieber dies und das, einen populären Roman, ein Pamphlet, Band 2 der "Wörter" geschrieben habe als sein hochkompliziertes, fragmentarisches Alterswerk über Gustave Flaubert "Der Idiot der Familie", hat er immer eine kühle, aber bestimmte Abfuhr erteilt; dieses Buch habe er schreiben müssen und sich keinem Druck nach Verzicht auf sein "Spiel" von irgendwem beugen können: "Ich hätte auf gar nichts verzichtet... ich habe nicht im Traum daran gedacht."

Zwar hat er ein anderes Gespräch vor kurzem mit dem Bekenntnis beendet: "Man muß versuchen zu lernen, daß man sein Sein, sein Leben nur suchen kann, indem man für andere tätig ist. Darin liegt die Wahrheit. Es gibt keine andere." Aber die andere Hälfte der Wahrheit dieses Schriftstellers und Philosophen, von dem Claude Roy sagte, "Sartre weiß nicht, daß er Sartre ist", wird formuliert am Schluß seiner Autobiographie, benennend das, was er seinen "Wahnsinn" heißt: "Schreiben ist meine Gewohnheit, und außerdem ist es mein Beruf. Lange hielt ich meine Feder für ein Schwert: Nunmehr kenne ich unsere Ohnmacht. Trotzdem schreibe ich Bücher und werde ich Bücher schreiben; das ist nötig; das ist trotz allem nützlich. Die Kultur vermag nichts und niemanden zu erretten, sie rechtfertigt auch nicht. Aber sie ist ein Erzeugnis des Menschen, worin er sich projiziert und wiedererkennt; allein dieser kritische Spiegel gibt ihm sein eigenes Bild."