Gert von Paczensky, ehemaliger Fernsehchef von Radio Bremen, deutete es im stern bereits an: Die Intendanten unserer Rundfunk- und Fernsehanstalten wollen die deutsche Presse aufs Korn nehmen. Sie fühlen sich von ihren schreibenden Kollegen miserabel behandelt, Solidarität existiere nur in "linken Seilschaften" (wie Südwestfunk-Lodemann und die deutschen Feuilletonisten), während die Liberalen von stern über Spiegel bis ZEIT sich stets über Interna der ARD ausließen und das schöne Leben der pensionsberechtigten Programmbeamten gefährdeten.

Gefährdet sind sie in der Tat. Herbert Wehner beispielsweise schrieb Anfang März einen persönlich adressierten Brief an den Bremer Intendanten Gerhard Schröder: "Die ARD muß endlich ihre Funktionsärsche lüften!"

Wie Telebiss erfuhr, schalteten die Intendanten der ARD schnell. Sie kamen auf ihrer routinemäßigen Sitzung in Frankfurt, wo es um das Vormittagsprogramm ging, überein, sich knapp eine Woche später zu einer Geheimsitzung zu treffen. Diese fand nun am letzten Dienstag im Ettlinger "Erbprinzen" statt. Sie trafen sich dort, obwohl ihr Widersacher Paczensky dieses exquisite Sternelokal erst kürzlich im Fernsehen liebevoll skizziert hatte. Die Spesen überstiegen, wie Hoteldirektor Werner Telebiss anvertraute, seine "kühnsten Erwartungen".

Zwischen Drosselpastete und Selle d’Agneau beschlossen sie – Hamburg war übrigens nicht vertreten, Herr Pipke aus Kiel, derzeit kommissarischer Intendant des NDR, war ihnen zu "popelig" (Intendant Hilf aus Baden-Baden), dafür luden sie den Kollegen des ZDF, Karl-Günther von Hase, ein:

  • Die Herausgabe einer öffentlich-rechtlichen Zeitung, in der die Kollegen von den Zeitungen und Zeitschriften "auseinandergenommen werden sollen" (Intendant Vöth vom Bayerischen Rundfunk) und in der sie sich selber darstellen wollen, "so wie wir wirklich sind" (Gerhard Schröder aus Bremen).
  • Die Zeitung soll kostenlos einmal im Monat an alle Funk- und Fernsehhaushalte verteilt werden.
  • Dem Blatt soll als Chefredakteur Manfred Bissinger, derzeit Pressesprecher des Hamburger Senats und Mentor des Ersten Bürgermeisters, Hans-Ulrich Klose, vorstehen. "Ein guter Schüler Henri Nannens", meinte Intendant von Seil aus Köln und setzte kichernd hinzu: "Wer einmal, lügt, dem glaubt man immer. Aber das bitte nicht ins Protokoll!" Angesprochen war sein Kollege Bausch aus Stuttgart, der, weil er der einzige Journalist in der Intendantenrunde ist, zum Protokollführer bestimmt worden war.
  • Als ständige Mitarbeiter und Berater sollen gewonnen werden: Wolfgang Menge ("den müssen wir kaufen, sonst macht er wieder so einen törichten Film über uns", so Ex-Botschafter von Hase aus Mainz); Johannes Gross, Capital-Chef und dem Fernsehpublikum vertraut als Moderator der "Bonner Runde " – "damit auch hinter unserer Zeitung ein kluger Kopf steckt", meinte Intendant Haus aus Berlin. Werner Höfer, der Fernseh-Altguru, wurde trotz des Einspruchs von Seils als Kolumnist vorgeschlagen.
  • Über die Kosten der Zeitung herrschten in der Intendantenrunde noch Unklarheiten Einig waren sie sich, die Millionen aus den Programmetats herauszuschneiden. "Auf ein paar Millionen mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an", erklärte der scheidende Intendant Werner Hess aus Frankfurt.
  • Über den Namen der Zeitung, die erst nach der Bundestagswahl erscheinen soll, war man sich auch noch nicht einig. "Hör weg", witzelte Gerhard Schröder aus Bremen, weniger originell der Vorschlag von Vöth aus Bayern: "Pressebiss". "Der gute Ruf", war die Idee des stillen saarländischen Intendanten Rohde.

Doch nicht nur die Zuschauer sollen davon überzeugt werden, daß es ein besseres Fernsehen und untadeligere Sachverwalter ihrer Interessen gar nicht geben kann – auch, die gebeutelten Macher in den Anstalten sollen moralisch aufgerichtet werden. So beschlossen die Intendanten in Ettlingen, einmal im Jahr drei Preise auszusetzen für Angehörige der ARD und des ZDF, die von der Presse besonders ungerecht und "schofelig" (von Hase) behandelt werden: Das "schwarze Schaf" in Gold, Silber und Bronze. Die Preisträger sollen von den Intendanten in geheimer Wahl festgestellt werden.

In Ettlingen wurden bereits Namen gehandelt: Immer wieder Peter Merseburger, Korrespondent in Washington, der nächtens seine Kollegen in Deutschland anruft und sich über schlechte Kritiken ausweint. Dann der sensible Klaus Stephan, Chefredakteur der Tagesthemen, der sich nicht nur von seinem Vorgesetzten Dieter Gütt schlecht behandelt fühlt, und der brave Günter Müggenburg, Chefredakteur der Tagesschau, dem neidische Kollegen seine Leidenschaft fürs Skatspielen verübeln. Auch Ernst Dieter Lueg wurde genannt, den man für die üble Nachrede, er sei der "Mikrophonhalter der Nation", entschädigen will.

Angesichts der öffentlich-rechtlichen Zeitungspläne und der brillanten Köpfe, die dafür gewonnen werden sollen, ist Telebiss schon jetzt ganz eingeschüchtert. Er überlegt ernsthaft, ob er nicht die Fronten wechseln soll. Seine Bedingung: Erscheinungsort Ettlingen mit dem "Erbprinzen" als Kantine, denn auch er weiß Drosselpastete zu schätzen. Telebiss