Spanien zieht die Notbremse: Bedroht von starken Besucherrückgängen, versucht die Regierung mit einer großen Aktion die "Versäumnisse in der Touristikbranche des Landes" auszuräumen. Das reicht bis zu einem Stillhalteabkommen zwischen Unternehmern und Gewerkschaften.

Ferien in Spanien werden in diesen Wochen immer billiger. Kaum ein Reiseunternehmen, das nicht mit Sonderangeboten an die iberischen Gestade lockt. Der Hintergrund: In den ersten Wochen des Jahres, in denen erfahrungsgemäß der Buchungseingang über den Erfolg oder Mißerfolg eines Reisesommers entscheidet, sackte das Ferienland Spanien durch. Die Veranstalter diagnostizierten zu stark gestiegene Preise, nachlässigen Service und Arbeitskämpfe als Hauptursache für das nachlassende Interesse.

Die spanische Regierung, die im vergangenen Jahr sogar noch mit dem Gedanken an eine "Touristensteuer" spekulierte, um der Flut der Besucher Herr zu werden, wurde aufmerksam, als bereits vor Jahresfrist eine Million Besucher weniger kamen. Nachdem sich in diesem Sommer, allen offiziell abwiegelnden Beteuerungen zum Trotz, weitere große Einbußen abzeichneten, wurde Madrid aktiv – aus gutem Grund: 6,5 Milliarden Dollar, das sind 38 Prozent der spanischen Deviseneinnahmen, kommen aus dem Tourismus. 1,5 Millionen Menschen sind im Fremdenverkehr beschäftigt, neun Prozent des Volkseinkommens resultieren aus diesem Wirtschaftszweig. "Zusätzlich gehen Anregungen vom Tourismus auch auf andere Wirtschaftsbereiche des Landes aus", merkte jetzt das spanische Fremdenverkehrsamt in Deutschland an.

In zwei Richtungen zielen die Bemühungen der Madrider Regierung zur Sanierung des Tourismus-Gewerbes: den Arbeitsfrieden vornehmlich in den Hotels zu sichern und die Einstellung der im Fremdenverkehr tätigen Spanier gegenüber ihrer Arbeit zu verbessern.

Ersteres scheint gelungen zu sein. Mit einem Tarifabkommen haben die Dachorganisation der spanischen Wirtschaftsverbände und die Spitze der sozialistischen Gewerkschaften ein Stillhalteabkommen geschlossen, das den Partnern auf zwei Jahre eine strikte Friedenspflicht auferlegt und Streiks untersagt. Der Vereinbarung haben sich auch andere Organisationen angeschlossen. Zugleich erhalten die Arbeitnehmer Einkommenszuschläge von 13 bis 16 Prozent. Die Gewerkschaften haben, so meldet die spanische Touristikorganisation, für das Fremdenverkehrsgewerbe "eine nachhaltige Verbesserung der Serviceleistungen bindend zugesichert".

Dasselbe Ziel hat die Regierung im Visier mit ihrem Appell "an die gesamte Bevölkerung", den Fremdenverkehr als eine "gemeinsame Aufgabe" anzusehen. Eine Plakat-Aktion mit drei verschiedenen Motiven soll die drei Fernsehfilme unterstützen, die beide spanische Kanäle zur besten Sendezeit ausstrahlen wollen. So wird in erster Linie jener Personenkreis angesprochen werden, der im Tourismus arbeitet.

Eine Reihe von Prospekten und Informationsschriften, eine Vielzahl von Seminaren und ein neuartiges Prämiensystem sollen die Fremdenverkehrsleute zu mehr und besseren Leistungen anspornen. Schließlich werden, so die Hoffnung der Regierung, auch die Behörden der Ferienorte bis hin zu den einzelnen Polizeidienststellen in die Bemühungen um mehr Gastlichkeit einbezogen. Das Ziel der staatlichen Ferienwerber: "Auch noch die kleinste Unannehmlichkeit, die Anlaß zu Kritik sein könnte, soll auf diese Weise ausgeräumt werden." Dies wäre dann das andere Extrem. Klaus Viedebantt