Zehn Stunden täglich Übungen für die Bühne

Die roten Tücher, vier mal vier Meter groß und in allen Schattierungen zwischen Rosa und Purpur, waren immer dabei. Sie hingen als Erkennungszeichnen an den Mauern des malerisch verkommenen Bauernhofs; lagen beim Körpertraining als Teppiche in der Sandgrube oder auf dem Stroh in der Scheune; wärmten uns an kühlen Sommerabenden; dienten als Vorhänge und wurden schließlich zu Kostümen unserer Vorstellung in San Piero a Sieva.

Theater-Workshop in der Toskana – zufällig hatte ich, bis dahin nur Theaterzuschauer, von dem Programm gehört. Ich entschloß mich, es selber auf der Bühne zu versuchen. Erst hinterher, als ich diesen Versuch als geglückt ansehen konnte, wurde mir klar, daß ich ein Risiko eingegangen war: zwar kannte ich Grotowski, das Living Theatre und Robert Wilson, die von den Workshop-Leuten als ihre Vorbilder genannt wurden.

Aber was Leo Toccafondi vom Theaterlaboratorium Prato und die anderen aus diesen Vorbildern machen würden, wußte ich nicht. Und dieses Abenteuer sollte nicht nur 700 Mark, sondern auch drei kostbare Urlaubswochen kosten. Urlaub im Sinne von Faulenzen und Ausspannen war es nicht. Die Workshop-Leitung verbat es sich auch mit Nachdruck, daß man den Workshop als alternativen Urlaub betrachte: Es wurde hart gearbeitet, meist mehr als acht Stunden am Tag. Die Bilanz für mich ist positiv. Ich habe viel gelernt, über das Theater und über das Zusammenleben mit Menschen.

Jeder Tag begann mit autogenem Training. Danach – von 11 bis 15 Uhr laut Plan, in Wirklichkeit immer länger – stand Theatertheorie auf dem Programm. Über Becketts "Warten auf Godot" näherten wir uns dem absurden Theater, lasen und interpretierten kleine Textpassagen, diskutierten Inszenierungsmöglichkeiten, suchten (zu zweit) Stellen heraus, die uns charakteristisch für Beckett und das Absurde schienen und arbeiteten aus, wie wir diese Stellen spielen würden. Praktische Inszenierungsversuche machten wir mit Aristophanes’ "Die Vögel".

Zur Vormittagsarbeit gehörten auch Atem- und Stimmübungen und ein Referat über Masken. Durch Maskenmachen (unter Anleitung des Florentiner Bildhauers Niccolo Niccolai) fiel an einer .Reihe von Tagen die Freizeit von 15 bis 18 Uhr aus. Bedauert hat das wohl niemand. Es macht Spaß, erst aus Ton die kompakte Positivform zu kneten, diese dann in Gips auszugießen und in der Gipsform das Endprodukt aus Zeitungspapierstreifen auszuarbeiten. Hinter diesen Masken verbargen wir uns, als wir vor der Vorstellung in San Piero paarweise durch die Straßen wanderten und Einladungen an alle verteilten.

Den Freistunden folgte abends noch ein Stück harter Arbeit: Körpertraining bis 21 Uhr. Auf Feldwegen und in einer Sandgrube, bei schlechtem Wetter (auch das gab es im letzten toskanischen Sommer) in der offenen Scheune. Manfred, der Pantomime aus München, war ein strenger Lehrer, Konzentration und Körperbeherrschung das Ziel seiner Übungen: Wir lernten gehen (langsam, schnell, kleine Schritte, große Schritte, über heißen Sand, durch Glasscherben, gegen den Wind), wir watschelten wie Grotowskis Ente, flogen, immerhin noch ein Bein auf der Erde, wie Adler.