Oldenburg

Die Angst, aus der Narkose nicht mehr zu erwachen oder durch sie Schaden zu nehmen, mag in dem Unbehagen begründet sein, sich in völlig hilflosem Zustand der Fürsorge und dem Können fremder Menschen auszuliefern. Realer Hintergrund für solche Befürchtungen aber sind die mit erschreckender Regelmäßigkeit auftretenden Narkoseunfälle.

Kein Wunder also, daß die in der letzten Woche aus dem Kreiskrankenhaus in Oldenburg (Holstein) gemeldeten Todesfälle von der Öffentlichkeit mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt wurden. War in Presse, Funk und Fernsehen zunächst von zwei Fällen die Rede, bei denen Narkosefehler nicht ausgeschlossen werden konnten, dehnten sich die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft Lübeck bald auf weitere acht Todesfälle aus. Aufgeschreckt von den ersten Meldungen wuchs bei zahlreichen Familien der Zweifel an der vom Kreiskrankenhaus Oldenburg angegebenen Todesursache kürzlich verstorbener Angehöriger. Chefarzt Mierisch sieht "nur für die beiden ersten bekanntgewordenen Fälle eine Verbindung zwischen dem Ableben der Patienten und möglichen Narkosefehlern".

Eine 44jährige Frau starb am 4. März infolge einer Mitte Februar vorgenommenen Operation, und drei Tage später erwachte ein 36jähriger Patient nach einer Fußoperation nicht mehr aus der Narkose. Beide Fälle stehen nach Ansicht von Chefarzt Mierisch in unmittelbarem Zusammenhang mit der wegen der Operation vorgenommenen Betäubung.

Die beiden für die Anästhesie verantwortlichen Fachärzte wurden zunächst beurlaubt und dann am 16. März fristlos entlassen. Der zuständige Landrat des Kreises Ostholstein Wolfgang Clausen betont jedoch, daß dies kein Schuldspruch für die beiden betroffenen Ärzte bedeutet. Die fristlose Kündigung sei vielmehr aus formaljuristischen Gründen notwendig gewesen und darüber hinaus in Absprache mit der Leitung des Kreiskrankenhauses erfolgt. Eine weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den beiden entlassenen Ärzten sei auf Grund der starken Verdachtsmomente nicht mehr möglich gewesen. Wie die Pressestelle des Kreises mitteilt, wurde bereits am 6. März, einen Tag vor dem Tod des zweiten Patienten, Anzeige gegen Unbekannt erstattet.

Beide Anästhesisten haben inzwischen Kündigungsschutzklage gegen ihren Arbeitgeber erhoben und bestreiten im übrigen ganz entschieden jegliche Verantwortung für den Tod eines Patienten. Während der Leiter der Klinik in Interviews mehrfach auf den engen zeitlichen Zusammenhang zwischen Narkose und dem Tod der Patienten hingewiesen hatte, betonte der entlassene Chefanästhesist in einer von seinem Rechtsanwalt verbreiteten Erklärung: "Beide Patienten verstarben nicht während der Behandlung durch Narkoseärzte und nicht im Verantwortungsbereich der Anästhesieabteilung."

Wahrscheinlich also werden den Vorfällen in Oldenburg langwierige gerichtliche Klärungsversuche folgen. Schon die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft erweisen sich als äußerst schwierig, denn mehr noch als sonst sind die Untersuchungen auf wissenschaftliche Gutachten und die Genauigkeit der Obduktionsbefunde angewiesen. Zusätzlich wirft die Trennung der verschiedenen Verantwortungsbereiche innerhalb der Klinik Probleme auf. So entschied der Bundesgerichtshof kürzlich in einem Grundsatzurteil, daß ein Narkosearzt sich auf die vom behandelnden Chirurgen gemachten Aussagen über den Gesundheitszustand des Patienten ohne weitere Überprüfung verlassen darf. Der Anästhesist haftet nicht für Fehler, die er auf Grund unrichtiger Angaben des Operateurs macht (1StR 440/79).