Politische Verjüngungskur in Budapest: Parteichef Kadar hat die letzten Altgenossen ausgebootet, die mit ihm zusammen nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes 1956 an die Macht gekommen waren.

Budapests geschickter Pragmatiker hat einen weiteren Schritt getan, um sich als Landesvater über den Parteiapparat zu erheben. Der XII. Kongreß der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei löste gleich fünf der fünfzehn Politbüromitglieder ab: drei Dogmatiker und zwei Reformpolitiker. Durch die überraschende Operation ohne machtpolitische Komplikationen (alle fünf Funktionäre blieben Mitglieder des Zentralkomitees) hat Kadar sein gemäßigtes Zentrum weiter stärken und den Generationenwechsel an der Parteispitze abschließen können.

Die einzige Überraschung war das Ausscheiden des erst 48jährigen Planungschefs und stellvertretenden Ministerpräsidenten Istvan Huszar aus dem Politbüro. Huszar hatte als entschiedener Wirtschaftsreformer und mit einer für Osteuropa ungewöhnlich offenen Sprache beträchtliches Ansehen in der ungarischen Öffentlichkeit gewonnen. Mutmaßungen, denen zufolge Huszar als Sündenbock für die jetzt offen eingestandenen Planungsfehler herhalten mußte, erscheinen wenig plausibel. Zwar übte Ministerpräsident Lazar auf dem Parteitag Selbstkritik, weil die ungarische Regierung – nach seinen Worten – zu spät auf die Veränderungen in der Weltwirtschaft reagierte. Doch da die Lage in Budapest keineswegs so angespannt ist wie in Warschau, bedurfte es auch keines Opfers als Zugeständnis an die ungarischen Konsumenten.

So erscheint eine andere Erklärung näherliegend: Der nicht aus dem Apparat stammende Wirtschaftsexperte hatte Schwierigkeiten, seine persönlichen Beziehungen innerhalb der Führungsgarde auszubauen. Deshalb scheint er es den Taktikern in Budapest leichter gemacht zu haben, zur Beruhigung Moskaus auch einen exponierten Reformer aus dem Schaufenster zu nehmen.

Unter den drei abgelösten Anhängern eines strafferen Regimes galt der 58jährige Bela Biszku bis Mitte der siebziger Jahre als starker Mann. Er war lange für die Staatssicherheit zuständig und führte von 1972 bis 1974 jene Kräfte an, die den Reformkurs abbremsten. Parlamentspräsident Antal Apro (67) und Deszö Nemes stammten aus dem Lager der dogmatischen Altgenossen, hatten sich aber stets auf die Seite der stärkeren Fraktion geschlagen.

Drei neue Männer kamen in das jetzt 13köpfige Politbüro: Ferenc Havasi (Wirtschaft), Mihaly Korom (Sicherheit) und Lajos Mehes (Parteichef der Stadt Budapest). Alle drei sind Kadars enge Gefolgsleute – und haben das Vertrauen Moskaus. Mit dieser doppelten Rückenstärkung will Kadar den ungarischen Unternehmern weitere Freiheiten einräumen; denn die letzten zwei Jahre waren – wie der Parteitag offen einräumte – von Stagnation geprägt. Und für das kommende Jahrranft sind die Aussichten nicht besser. C.S.-H.