München

Münchens. Bibliotheken werden Blatt-los in den Frühling gehen, denn Bürgermeister Zehetmeier, zweiter Mann in der bayerischen Hauptstadt, mag die freche Stadtzeitung mit dem lapidaren Namen Blatt nicht mehr in den städtischen Bibliotheken dulden. Die SPD-Stadträtin Irmgard Mager hält diese bayerische Spielart der Pressefreiheit für Zensur und will jetzt von Zehetmeier wissen, ob noch mehr Publikationen in den Münchner Bibliotheken von Amts wegen verboten sind.

Im Stadtparlament nach den Gründen für sein Blatt-Verbot befragt, ließ sich der Bürgermeister einen Monat mit der Antwort Zeit und teilte dann mit: "Das Blatt wurde im letzten Verfassungsschutzbericht Bayern des Staatsministeriums des Inneren als verfassungsfeindlich qualifiziert (linksextreme Schrift der undogmatischen Linken). Es kann nicht als Aufgabe einer Kommune angesehen werden, Bestrebungen zu unterstützen, die sich gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung richten."

Die Blatt-Macher selber sind nicht erstaunt, in Tandlers Verfassungsschutzbericht aufzutauchen. "In München stehen so viele Namen und Projekte auf der Liste, daß es fast ein Makel ist, dort nicht vertreten zu sein."

In einer Auflage von 15 000 Exemplaren informiert das Blatt seine meist studentischen Leser alle 14 Tage über Neuigkeiten aus Münchens Alternativ-Szene. Künstlertreffen, Musikgruppen, Ausstellungen, Lesungen: von der alternativen Kräuterszene über Kleinkunsttheater bis zum Lesbenclub und Schwulencenter. Besonders geschätzt werden die Wohnungs- und Kleinanzeigen.

Der schmale redaktionelle Teil beschäftigt sich mit der chronischen Wohnungsnot in München, mit Hausbesetzungen, Berufsverboten und Terroristenprozessen. Er wird geschrieben von Leuten, die an den Zuständen leiden, unter denen sie leben oder unter denen sie andere leben sehen. Für sie ist die Bundesrepublik ein Staat, der Unrecht und Unterdrückung schafft, es ist nicht ihr Staat, sie begegnen seinen Repräsentanten mit tiefem Mißtrauen, mit Verachtung, Spott, ja teilweise mit Haß und Wut,

Die Alternative, die sie propagieren und zu leben versuchen, soll ihre Antwort sein auf ein diffuses Gefühl des Unbehagens an den Lebensbedingungen unserer Gesellschaft.