Das "Jahr der unruhigen Sonne" hat seinen Höhepunkt erreicht:

Von Günter Haaf

Am Himmel ist wieder einmal die Hölle los. "Die großen Stürme sind im Anzug", warnte letzten Oktober Patrick McIntosh, ein Sonnenforscher aus Boulder im amerikanischen Bundesstaat Colorado. "Wir stehen kurz vor enormen Unruhen auf der Sonne." Seitdem verdüstern immer mehr dunkle Flecken die gleißende, brodelnde Oberfläche unseres Muttergestirns.

Nun meldeten McIntosh und seine Kollegen vom Beobachtungszentrum der amerikanischen Behörde für Ozean- und Atmosphärenforschung (NOAA), der Höhepunkt sei erreicht: Nur einmal in den 370 Jahren moderner Sonnenbeobachtung – im September 1957 – zählten Astronomen mehr Sonnenflecken, jene sichtbaren Zeichen für gewaltige Umwälzungen im Inneren der Sonne.

Durchschnittlich alle elf Jahre ist der Stern, der uns am Leben hält, besonders aktiv. Diesmal jedoch zeigt die Sonne überdurchschnittliche Unruhe, sehr zur Freude der Solarforscher. Denn noch nie waren sie so gerüstet, das Spektakel auf dem rund 150 Millionen Kilometer entfernten Gasball zu beobachten: Seit dem 1. August letzten Jahres läuft das internationale Forschungsprogramm zum Solar Maximum Year, zum "Jahr der unruhigen Sonne". Bis zum 28. Februar 1981 wollen die Wissenschaftler aus 18 Ländern, darunter viele Forscher aus der Bundesrepublik, von der Erde und – mit Hilfe von Satelliten und Raumsonden – vom All aus jede meßbare Aktivität auf unserem Zentralgestirn aufzeichnen.

Ihr leistungsfähigster Sonnenspäher ist dabei ein knapp zweieinhalb Tonnen schwerer Satellit mit dem Namen "Solar Maximum Observatory", kurz "Solar Max", den die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa am 14. Februar vom Kennedy Space Center aus in eine Umlaufbahn 574 Kilometer über der Erde startete: Solar Max ist der erste Satellit, der speziell für die Beobachtung der Flares genannten Sonnenfackeln gebaut wurde – gewaltigen Eruptionen, bei denen innerhalb von Sekunden soviel Energie wie bei der gleichzeitigen Explosion von zehn Milliarden Wasserstoffbomben mit je einer Megatonne Sprengkraft freigesetzt werden kann und die Milliarden Tonnen Gas in den interplanetaren Raum (und damit auch auf die Erde) schleudern.

Den Ursachen dieser solaren Kraftmeierei ebenso wie ihren Auswirkungen auf unserem Planeten wollen die Wissenschaftler auf die Spur kommen. Die 79 Millionen Dollar für den Solar-Max-Flug, die weltweite Zusammenarbeit der Experten und die Alarmpläne, mit denen die beteiligten Forscher in kürzester Zeit über neue Ausbrüche auf der Sonne informiert werden, gelten einem Phänomen, das zwar seit anderthalb Jahrhunderten bekannt ist, aber bis heute nur unbefriedigend erklärt werden kann: dem elfjährigen Sonnenflecken-Zyklus (der eigentlich ein 22 Jahre, also über zwei solare Unruheperioden reichender Kreislauf ist).