Von Petra Deimer

Dreißig Touristen haben sich auf der "Mascott VI.", einem Sportfischerboot, zu dem neuntägigen Trip in die Kinderstube des Kalifornischen Grauwals versammelt. Sie nehmen kleine Kabinen, eine kaputte Klimaanlage und eine spülunwillige Toilette in Kauf: "Whale watching" ist "in." Das Boot verläßt den Hafen von San Diego und nimmt Kurs in Richtung Baja California, in das südlichste Verbreitungsgebiet der Grauwale. Hier, in den seichten Buchten und Lagunen vor der Landzunge, bringen die Walweibchen ihre Jungen zur Welt. Vor etwa zehn Jahren haben Bootsleute hier eine touristische Marktlücke entdeckt, für 620 Dollar pro Person schippern sie schaulustige Touristen zu den spektakulären Meeressäugern. Über mangelnde Nachfrage nach dieser unblutigen Jagd können sie nicht klagen.

Für Fänger ist der Grauwal seit 1937 tabu, glücklicherweise, denn die gnadenlose Jagd hatte den Bestand bereits zu Anfang unseres Jahrhunderts so weit reduziert, daß der Graue als fast ausgestorben galt. Doch die späten Schutzbemühungen waren erfolgreich: Der totgesagte Grauwal lebt, an die 20 000 Tiere ziehen nach Angaben des "World Wildlife Fund" (WWF) durch den Pazifik. Von Nord nach Süd und zurück durchschwimmen sie jedes Jahr eine Strecke von 8000 Meilen und halten damit den Langstreckenrekord wandernder Säugetiere.

Wenn der einbrechende Winter die Arktis ungastlich werden läßt und die Eisgrenze sich unaufhaltsam nach Süden schiebt, verlassen die Grauwale, die sich von Bodentieren ernähren, die üppigen Weidegründe nordpolarer Gewässer und begeben sich, einer inneren Uhr folgend, auf die "Fortpflanzungswanderung" in Richtung Kalifornien. Immer dicht unter Land geht der Zug der grauen Riesen, warum, ist bis heute ungeklärt. Vielleicht können sich die Tiere in Küstennähe besser orientieren. Die Liebe zum Ufer wurde ihnen einst freilich oft zum Verhängnis, denn selbst mit primitiven Handharpunen konnten Walfänger so leichte Beute machen.

Im Januar erreichen die Tiere, die sich zu kleinen "Schulen" zusammengefunden haben, ihre Winterquartiere. Alle zwei Jahre bringen die Weibchen nach einer Tragzeit von 13 Monaten dort ein Walkalb zur Welt, einen Fünf-Meter-Säugling.

Kaum geben sich die ersten Wale in "Scammons Lagoon" oder in der Bucht von "San Ignacio" ihr Stelldichein, treffen fahrplanmäßig auch die ersten kamerabeladenen "whale watching troops" ein. Weder die Enge auf dem Schiff noch das oft unvermeidliche Übel Seekrankheit erschüttern die erwartungsvollen Gemüter. Biologen sind mit an Bord und erklären geduldig: Wale sind Säugetiere, die sich vor rund 60 Millionen Jahren vom Land- dem Wasserleben angepaßt haben. Wie ihre kleinen Verwandten, die Delphine, atmen sie Luft; in ihren Adern fließt warmes Blut. Wale stehen auf einer hohen Entwicklungsstufe und haben ein kompliziertes Gehirn.

Wir liegen in der Bucht von San Ignacio vor Anker, im Morgengrauen beobachten wir ein atemberaubendes Naturschauspiel. Rings um das Schiff blasen Wale, steht ihr Atem, der unter hohem Druck ausgestoßen wird, als dampfende Wolke über dem Meeresspiegel. Untrüglich verrät dieser "Blas" die Nähe der Giganten – und ihre Zugehörigkeit. Bei Bartenwalen (zu denen Grauwale gehören) sind "Blas", wie Nasen- oder Blasloch, zweigeteilt. Bei Zahnwalen wie dem Pottwal besteht die Nase aus einer einzigen Öffnung; der "Blas" bildet eine Wolke.