Von Andreas Kohlschütter

Im Kunartal, Ende März

Sie kommen zu Hunderten, zu Tausenden. Viele Kilometer lang zieht sich die Menschenschlange, der Flüchtlingstreck im Gänsemarsch, auf dem schneebedeckten, schlammig-glitschigen Saumpfad durch das enge Tal zum Ghakhai-Paß hoch. Viele gehen barfuß, andere haben ihre Füße mit Lumpen umwickelt. Kinder mit ihren jüngeren Geschwistern auf dem Rücken und zwei Hühnern im Arm. Schwangere Frauen in ihrer schwarz-roten Stammestracht, keuchend unter der Last von Bettdecken, Kochtöpfen und Tonkrügen. Männer, die ganze Bettgestelle und Küchenregale auf dem Buckel tragen, einer mit einem kleinen Kalb und einem straff geschnürten Säugling auf den Schultern. Die meisten trotten schweigend und schwitzend, und stumpf vor sich hinbrütend bergan, den elenden Zeltlagern in Pakistan entgegen. Nur ein sich gegenseitig stützendes, älteres Ehepaar ohne jegliches Hab und Gut klagt laut: "Sechzehn Angehörige unserer Familie sind bei den Kämpfen umgekommen. Wir konnten sie nicht einmal, begraben, weil Russen. im Dorf waren. Wir mußten die Leichen in eine Höhle legen."

Sie stammen aus allen Teilen des Kunartals, vor allem aus dem Schigal-Seitental, in dem 17 von insgesamt 22 Ortschäften durch russische Panzer- und Luftangriffe zerstört sein sollen. Sie haben im Schutz der Dunkelheit den Kunarfluß auf dem tagsüber versteckten Fährfloß bei Schinkolak überquert und sind seit drei Tagen und Nächten unterwegs. Sie berichten von Greueltaten der Russen gegen Kinder und Frauen, von "feuerspeienden Bomben", die ihre Häuser in Brand gesetzt hätten. Einer erzählt: "Ich sah, wie die Russen drei Mudschahedin gefangennahmen, sie entwaffneten und mit einer Flüssigkeit besprühten. Dann brannten die drei plötzlich lichterloh, wie Fackeln."

Diese Aussagen müssen mit gebührender Vorsicht aufgenommen werden. Ich habe auf meinem mehrtägigen Marsch durch das Kunartal Dörfer gesehen und in Weilern übernachtet, die mir von Fliehenden als "total zerstört" beschrieben worden waren, in denen zwar einige Häuser teilweise ausgebrannt, von Luft-Boden-Raketen und Maschinengewehrsalven beschädigt waren, aber mehr nicht. Ich habe in dem Flüchtlingsstrom, der mir viele Stunden lang entgegenkam, der mich auf dem Rückweg wieder einen ganzen Tag begleitete und angeblich einem mörderischen Kriegstreiben entronnen war, bloß einen einzigen Leichtverletzten angetroffen. Im pakistanischen Aufnahmespital von Khar, jenseits des Ghakhai-Passes, lägen auch zehn Tage-nach der russischen Offensive nur fünf Kriegsbeschädigte aus dem Kunartal.