In fünf Jahren schmiedete der Newcomer den größten Baumaschinenkonzern Europas

Von Peter Christ

Besitzdenken ist ihm völlig fremd, sagt er. Zuviel Besitz hält er gar „für gefährlich, weil er satt und träge macht“. Und an Sattheit habe er schon etliche Leute scheitern sehen.

Auch seine Taten beweisen zumindest eines: Satt ist dieser Mann gewiß noch nicht. Aber liegt ihm auch wirklich so wenig an Besitz, wie er gern vorgibt?

Denn seit fünf Jahren tut er nichts anderes, als seinen Besitz zu mehren. In atemberaubendem Tempo rafft er ein Unternehmen nach dem anderen an sich. Und seit seinem vorletzten Coup weist er voller Stolz darauf hin, daß es in seiner Branche in Europa keinen Größeren gibt als ihn.

Horst-Dieter Esch (36) heißt der Wunderknabe, dessen Tellerwäscherkarriere allemal Erstaunen, oft Bewunderung, aber mindestens ebenso oft Neid und Mißtrauen weckt. Heute besitzt Esch, genauer: die von ihm beherrschte IBH Holding AG in Mainz, elf Unternehmen, die Baumaschinen produzieren, bei denen 7300 Leute arbeiten, die einen Umsatz von 1,2 Milliarden Mark erwirtschaften.

Warum, wenn nicht aus Streben nach Besitz, nach Reichtum, hat der Jungunternehmer Esch diesen Konzern aus dem Boden gestampft? Warum will er jetzt mit der Expansion erst richtig loslegen, in den nordamerikanischen Markt eindringen, wie er nach der letzten Firmenübernahme vor vier Wochen erklärte?

Wenn es primär nicht ums Geld geht – und dafür spricht, daß sich Esch schon längst ein auch nach besitzbürgerlichen Maßstäben komfortables Leben leisten kann – bleibt eigentlich nur noch eines: Esch will Recht behalten, will zeigen, daß sein vor fünf Jahren verkündetes Konzept vom reinrassigen Baumaschinenkonzern stimmt. Schon damals erklärte Esch, daß die meisten mittelständischen Baumaschinenhersteller nicht mehr lange existieren könnten. Sie seien zu klein, schlecht geführt, würden sich mit zu vielen verschiedenen Produkten verzetteln und hätten mithin keine Chance, eine ernste Krise zu überleben.

Esch wußte, wovon er sprach. Mit Baumaschinen und ihren Herstellern kannte er sich aus. In diese Branche war er geraten, wie es sich für einen Wunderknaben gehört.

Als er 1967 nach dreijährigem Studium der Betriebswirtschaft in den USA nach Europa zurückflog, saß im Flugzeug neben ihm Benno Kaltenegger, dem die Hennefer Baumaschinenfabrik Duomat gehörte. Kaltenegger, für spontane Entscheidungen immer gut, fand Gefallen an seinem jungen Nachbarn. Als die Maschine lanr dete, hatte Esch seine erste Stelle: Verkaufsassistent bei Kaltenegger für 3000 Mark im Monat.

Verkaufsassistent Esch erwies sich als Verkaufskanone. Nach wenigen Monaten standen Kalteneggers Läger leer, Esch hatte sämtliche Vibrationswalzen Marke Duomat verkauft und den weiteren Karriereweg geebnet.

Er wurde Leiter der amerikanischen Verkaufsfiliale, die sein Chef Kaltenegger gemeinsam mit dem großen britischen Baumaschinenhändler John Blackwood Hodge gründete. Nach zwei Jahren dominierten Duomat-Walzen auf dem amerikanischen Markt. Die Briten waren von dem jungen Mann beeindruckt und machten ihn 1973 zum Verkaufsmanager für Europa.

Erste Million mit Spekulation

Esch revanchierte sich für soviel Vertrauen und kaufte für 100 000 Mark Aktien seines Arbeitgebers. Der Kurs sackte auf ein Viertel, Esch hatte 75 000 Mark verloren. Aktionär Esch setzte aber unverändert auf die Ertragskraft seines Arbeitgebers, pumpte sich 400 000 Mark bei der Bochumer Westfalenbank und kaufte John Blackwood Hodge Aktien zu 1,50 Mark das Stück. Sechs Wochen später war der Kurs auf sechs Mark geklettert und Spekulant Esch war Millionär.

Blackwood Hodge verlor seinen Starverkäufer. Der machte sich selbständig und gründete 1975 mit seiner ersten Million die IBH Holding AG in Mainz. Eine weitere Million bekam er von der Schweizer Builma Investment Holding, hinter der Briten stecken, die Esch aus gemeinsamen Jahren bei Blackwood Hodge verbunden sind.

Esch konnte loslegen. Die Baukrise brachte einen Baumaschinenhersteller nach dem anderen an den Rand der Pleite – genau wie Esch prophezeit hatte.

Innerhalb von sechs Monaten übernahm er drei marode Fabriken. Nur für einen Betrieb, den seines ehemaligen Arbeitgebers Kaltenegger, zahlte er Geld, 700 000 Mark. Zum Nulltarif bekam er die beiden Walzenhersteller Zettelmeyer und Hamm. Inhaber und Kreditgeber der drei Unternehmen waren froh, Esch gefunden und die Betriebe vom Hals zu haben.

„Nur in diesen sechs Monaten konnte die IBH entstehen. Die Chance war davor und danach nicht gegeben“, erinnert sich Esch. Wie bei seinem Flug mit Benno Kaltenegger und wie bei der Aktienspekulation erwischte Esch den richtigen Zeitpunkt und hatte Glück. Ebenfalls noch im Jahr 1976 übernahm Esch die Maschinenfabrik Lanz, ein Jahr später die Firma Beljer & Zembrod, zum Nulltarif natürlich.

Alle Unternehmen stellten ausgezeichnete Maschinen her und genossen bei ihren Kunden einen hervorragenden Ruf. Ihre Produktionsprogramme ergänzten sich vortrefflich. Esch hatte kaum zwei Jahre nach seinem Start in die Selbständigkeit einen Baumaschinenkonzern zusammen. Mit Geschick, Härte und von auflebender Baukonjunktur begünstigt sanierte er die angeschlagenen Unternehmen. Auf die alten Inhaber und deren Management wollte er sich dabei nicht verlassen. Sie wurden beinahe ausnahmslos gefeuert.

Esch hätte das Tempo nun verlangsamen, sich mit dem Erreichten begnügen können. 1978 trat tatsächlich so etwas wie eine Pause ein, er übernahm kein Unternehmen. Aber Anfang 1979 ging die Expansion mit den drei französischen Baumaschinenherstellern Deruppe, Maco-Mendon und Pingon weiter. Die drei Firmen machten Verluste, gehörten zu großen Konzernen und konnten deshalb nicht einfach pleite gehen. Esch nutzte die Situation in bekannter Manier: Er übernahm zum Nulltarif.

Um zu seinem schon 1978 angekündigten Angriff auf den englischen Markt anzusetzen, mußte Esch allerdings tief in die Tasche greifen. 14 Millionen Mark bezahlte er für die Hymac Ltd., die mit 1400 Leuten Hydraulikbagger und Baggerlader herstellte, die noch im IBH-Programm fehlten. Der Hymac-Großaktionär, der angesehene Mischkonzern Powell Duffryn, kaufte im Gegenzug IBH-Aktien im Nominalwert von zwei Millionen Mark, mußte dafür aber bei einem Ausgabekurs von sage und schreibe 1100 Prozent 22 Millionen Mark in die Kasse der Mainzer Holding zahlen.

Das Geld konnte Esch gebrauchen. Denn wenig später kaufte er für 30 Millionen Mark vom kanadischen Konzern Massey Ferguson die sieche Tochtergesellschaft Hanomag in Hannover – Eschs Geburtsstadt. Doch daß beim Hanomag-Geschäft sentimentale Anwandlungen eine Rolle gespielt haben könnten, schließt Esch völlig aus. Was ihn zum Kauf bewogen hat, ist der ausgezeichnete Ruf, den die Raupen, Bagger und Radlader von Hanomag am Markt genießen, sowie das dichte Händlernetz.

Hanomag ist der bisher dickste Brocken, den Esch der IBH einverleibt hat. Der traditionsreiche Baumaschinenhersteller beschäftigt 2700 Mitarbeiter und erzielt einen Umsatz von etwa 400 Millionen Mark. In den vergangenen zwei Jahren wurde dabei aber ein Verlust von insgesamt 160 Millionen Mark gemacht. Wenn Esch Hanomag wieder in die Gewinnzone bringt, dürfte die Existenz der IBH endgültig gesichert sein. Die Zahlen des ersten Quartals 1980 sollen „phantastisch“ sein, schwärmt Esch.

Mit noch mehr Zufriedenheit als die Anfangserfolge bei Hanomag hat Esch gewiß die bisher letzte Firmenübernahme erfüllt. Zum 1. April hat er 83,33 Prozent der Aktien der Wibau Maschinenfabrik Hartmann AG von der Hamburger Privatbank Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. (SMH) übernommen. Daß Esch dafür nichts gezahlt hat, wird zwar nicht offiziell bestätigt, bedarf aber eigentlich auch keiner besonderen Erwähnung. Routine war auch, daß bisher ein Vorstand und einige niedrigere Chargen des Sessel räumen mußten.

Aber Außenstehende überraschte, daß die Privatbankiers, die zu den allerersten Adressen der deutschen Finanzwelt zählen, auch noch bei der Mainzer Baumaschinenholding einstiegen. Sie kauften 7,4 Prozent der IBH-Aktien im Nominalwert. von 750 000 Mark, mußten bei. dem phantastisch anmutenden Ausgabekurs von 2000 Prozent dafür aber 15 Millionen Mark auf den Tisch legen.

Für Esch muß ein Traum in Erfüllung gegangen sein, konnte er sich doch endlich mit einem Aktionär schmücken, der Solidität, Seriosität und Gediegenheit gleichsam verkörpert – Eigenschaften, die einem Aufsteiger selten zugebilligt werden.

Ferdinand Graf von Galen, persönlich haftender Gesellschafter des Bankhauses, begründet das teure Engagement bei IBH mit der Ertragskraft der Holding, die bisher immer Gewinne gemacht hat. Und Esch ist in seinen Augen „ein sehr tüchtiger Mann“. Dieser Meinung ist Esch schon lange. Den Grafen will er „zum größten Privatbankier Europas“ machen. Der „will es freilich anderen überlassen, wer da wen zum Größten macht“.

Eschs Überschwang angesichts des jüngsten Aktionärs im IBH-Bunde ist mit Pekuniärem allein nicht hinreichend zu erklären. Der Selfmademan hofft ganz gewiß, daß ein Graf Galen im Aufsichtsrat und im Aktionärskreis endlich Schluß macht mit Verdächtigungen und Zweifeln. Denn der Aufstieg des vor wenigen Jahren noch völlig unbekannten Unternehmers erinnert viele an die Karriere eines Hans Glöggler, der mit seinem hastig zusammengekauften Textilkonzern bankrott ging.

Werben um Vertrauen

Andere weisen dezent auf den Briten Jim Slater hin, der Unternehmen kaufte und anschließend ausplünderte. Mit diesem Jim Slater hat Esch früher gelegentlich eine, Partie Backgammon gespielt. Aber Esch bestreitet energisch jede Neigung zum Glücksspiel. Daran ändert in seinen Augen auch die Tatsache nichts, daß er nach einer durchspielten Nacht seiner Frau den Gewinn von rund 20 000 Mark zuschob, um sie über seine häufige Abwesenheit hinwegzutrösten. Backgammon ist in seinen Augen kein Glücksspiel, und für ein Glücksspiel wie Roulett könne man von ihm keine einzige Mark bekommen.

Die Vergleiche mit Glöggler und Slater werden Esch noch einige Zeit verfolgen. Er selbst hat es sehr viel .lieber, wenn er mit dem Stahlunternehmer Willy Korf oder mit dem Computerbauer Heinz Nixdorf verglichen wird, die ähnliche Blitzkarrieren hinter sich haben.

Aber das Vertrauen der Öffentlichkeit zu gewinnen fällt Esch schwer. Bei seinen Mitarbeitern hat er da mehr Erfolg. Bei Zettelmeyer, seinem ersten Unternehmen, hätten ihn die Mitarbeiter bei der letzten Betriebsversammlung mit Ovationen empfangen. Bei Hymac in England schlugen sich seine Leute mit Streikposten, um zur Arbeit zu kommen. „Und bei Hanomag stehen die Leute auch bald hinter mir“, meint Esch.

Das Werben um Vertrauen wird auch spürbar, wenn Esch seine Vision vom großen Baumaschinenkonzern ausbreitet, der auch den Amerikanern und dem japanischen Konkurrenten Komatsu Paroli bieten kann. Wenn Esch seine Ideen vorträgt, hält es ihn nicht mehr auf seinem Stuhl. Er rückt an den Gesprächspartner heran, zaubert Tabellen und Prospekte hervor, verkauft seine Ideen und sich selbst. Da ist nichts mehr zu spüren von der Kühle, die einer der gefeuerten Manager so umschrieb: „Gegen Esch ist eine Tiefkühltruhe ein Heizkörper.“

Was ihm gewiß nicht fehlt, ist Selbstbewußtsein. So traut er sich auch die Sanierung des angeschlagenen Elektrokonzerns AEG zu, Vorläufig muß; er sich noch damit begnügen, bei IBH der Größte zu sein. Er besitzt zwar nur 23,2 Prozent der Aktien, verfügt aber über 76,9 Prozent der Stimmrechte. Außer dem englischen Konzern Powell Duffryn, der 23,1 Prozent der Aktien hält, übertrugen alle IBH-Aktionäre ihre Stimmrechte auf Esch, „und zwar auf Lebenszeit“, behauptet Esch.

Der IBH-Chef kann daran nichts Ungewöhnliches finden. „Das ist das Logischste, was es gibt. Wenn ich ein Unternehmen in Amerika kaufen will, und meine Aktionäre sagen, jetzt bleib doch erst mal hier, ist mein Konzept gescheitert. Dann kann ich nach Hause gehen.“ Auch Graf Galen findet es richtig, „daß der Gründerunternehmer Herr im Hause bleibt“.

Vor Überraschungen sind die, IBH-Aktionäre gewiß nicht sicher. Die Osterwoche nutzte Esch zu einer Geschäftsreise in die USA. Auf die Frage, ob er jetzt mit einem Firmenkauf die Eroberung des amerikanischen Marktes beginne, antwortete er lakonisch: „Immer, wenn ich unterwegs bin, wird etwas gekauft oder verkauft.“