Letzter Irrtum

Als der Fremde, der ziemlich erbarmungswürdig aussah, so, als käme er geradewegs aus der Hölle, an die Pforte klopfte, wurde ihm sofort aufgetan, aber als er schnurstracks eintreten wollte, vertrat ihm der eher vierschrötige, bärtige Pförtner mit den Worten: "Na, Moment mal, nicht so eilig, mein Freund", den Weg.

"Ich denke, ich werde hier erwartet?" sagte der Fremde.

"Das denken alle, die an uns überwiesen werden. Allerdings, du bist ein ganz besonderer Fall. Könnte nämlich sein, daß wir deinetwegen den Laden hier zumachen müssen und ich dann in Pension gehen muß."

"Wenn du wüßtest, wie leid mir das alles tut", sagte der Mann und raufte sich dabei verzweifelt die Haare, "es war alles ein schrecklicher Irrtum. Das habe ich wirklich nicht gewollt. Ich habe nur immer das Beste gewollt."

"Hütet euch vor den Allzuguten, denn sie haben die Weisheit nicht immer gepachtet und stiften mancherlei Unheil. Den guten Willen spricht dir keiner ab, sonst wärest du gar nicht bis hierher gekommen. Und nun erzähl mal, wie es zu dieser Katastrophe gekommen ist!" forderte ihn der Pförtner auf.

Der Mann machte ein zergrübeltes Gesicht. "Ja, wie kam es dazu? Willst du alles wissen?"

"Alles, natürlich. Hier geht es nur um die Wahrheit, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit."

Letzter Irrtum

"Also gut", sagte der Fremde zögernd und schien sich dann einen Ruck zu geben: "Zum Schluß ging es nur noch ums Überleben."

"Wessen Überleben?" erkundigte sich der Pförtner.

"Um mein Überleben – politisch!" sagte der Neuankömmling. "Von allen, Seiten dieser schreckliche Druck, ich wußte schon nicht mehr ein noch aus. Da war die Inflation. Die drohende Rezession. Afghanistan. Persien, Salt II. Die MX-Rakete. Und dazu noch Reagan und die fallenden Ratings. Mit blieb ja nur eine Wahl..."

"...die am 4. November", vermutete der informierte Pförtner.

"...irgend etwas zu tun, damit die Wähler nicht denken, ich sitze im Rosengarten und drehe Däumchen."

Der Pförtner sah ihn fragend an: "Und was sollte das sein?"

"Etwas Sensationelles, Spektakuläres, wodurch ich das Vertrauen zurückgewinne, damit man auch nicht länger behaupten kann, ich sei unberechenbar. Oder gar ein Zauderer."

Letzter Irrtum

"Und wie ist das dann schließlich passiert?"

"Ja, wie?" versuchte sich der immer noch verwirrt und zerzaust wirkende Fremde mühsam zu erinnern, "also ich wälzte mich schlaflos nachts in meinem Bett und dachte: was tun? Und da kam mir der Einfall, meinen Sicherheitsberater Brzezinski zu wecken, um mit ihm noch einmal über die Botschaft zu sprechen ..."

"...die US-Botschaft in Teheran...?"

"...über meine Botschaft an den Ajatollah Chomeini wegen der Geiseln in der US-Botschaft. Neben meinem Bett steht diese Schalttafel mit den Knöpfen für dringende Fälle. Ich hatte mir alles genau gemerkt. Die Reihenfolge der Knöpfe war: Brzezinski, Erster Atomschlag. Gegenschlag. Rosalynns Schlafzimmer. Oder umgekehrt. Und da muß ich im Dunkeln an den Knopf geraten sein, der den thermonuklearen Holocaust auslöst..."

"Gab es denn keinen Knopf, der den gegebenen Befehl rückgängig macht?" fragte der Pförtner bekümmert.

"Doch, aber der befand sich in Rosalynns Zimmer, und die wollte ich nicht stören. So, das war’s. Nach allem, was ich erlebt habe, fühle ich mich hier direkt wie im Himmel. Darf ich trotz allem bleiben, oder muß ich zurück?" fragte der Ex-Präsident den Himmelspförtner Petrus.

Der brummte nur: "Zurück? Wohin?"