Der Stahlkonzern begann den Lohnhandel, indem er sich für bankrott erklärte, die Stillegung zahlreicher Werke und die Entlassung von fünfzigtausend Arbeitnehmern – fast ein Drittel der Beschäftigten – ankündigte. Der Vorstand bot nur zehn Prozent mehr Lohn an – und auch das nur unter der Bedingung, daß diese Zulage durch Produktivitätsgewinne über Personalabbau und Änderung der Arbeitspraktiken finanziert werden müsse. Das Management hatte bei Vergleichen mit ausländischen Stahlwerken festgestellt, daß einige sehr britische Gewohnheiten (wie Streitigkeiten darüber, wer was tun darf) die Kosten erhöhen und einen Wettbewerbsnachteil bedeuten.

Der Abschluß entspricht nicht mehr den ursprünglichen Intentionen des Managements, aber der größte Teil der Mehrkosten von 16 Prozent soll auch jetzt noch durch Produktivitätsfortschritte eingespielt werden. Die Regierung sieht hierin ein Zeichen für den notwendigen „größeren Realismus“. Die Briten, so ist ihre Schlußfolgerung, müssen einsehen, daß höhere Löhne nicht vom Himmel fallen, sondern erarbeitet werden müssen.

Der Streik ist aber auch in anderer Hinsicht von Bedeutung. Er hat Pläne der Regierung vorangebracht, die Macht der Gewerkschaften zu vermindern und das Gewicht der Kräfte wieder etwas mehr zu den Arbeitgebern zu verlagern. Die Boykott- und Sympathieaktionen während des Streiks bestätigten die Regierung in ihrer Ansicht, daß die rechtliche Immunität der Gewerkschaften in Arbeitskämpfen zu weit geht und eingeschränkt werden muß. Ein entsprechender Gesetzentwurf geht eben durch das Parlament, und weitere Vorschläge werden wahrscheinlich im Sommer folgen.

Das Kräfteverhältnis soll auch auf andere Weise verändert werden. Die größte Gewerkschaft zahlte während des Ausstands kein Streikgeld an ihre Mitglieder. Sie waren auf ihre Ersparnisse und auf soziale Unterstützung aus öffentlichen Kassen angewiesen. Sozialminister Prentice hält es nicht für tragbar, daß ein Streik praktischaus Steuermitteln subventioniert wird. Künftig sollen daher fünfzig Mark pro Woche auf die Fürsorgeleistungen als „Streikgeld“ angerechnet werden, gleichgültig, ob die Gewerkschaft ein Streikgeld tatsächlich zahlt oder nicht.

„Steuergeld für Streikende“ ist ein sehr kontroverses Thema in Großbritannien. Meinungsumfragen haben jedoch immer wieder gezeigt, daß eine Mehrheit der Bevölkerung hier auf der Seite der Regierung steht.

Der Ausgang des Stahlstreiks hat der Regierung in ihren Kampf gegen Machtanspruch und Willkür der britischen Gewerkschaften einen stattlichen Punktgewinn gebracht. Allerdings konnte Margaret Thatcher ihre erste große Schlacht gegen die Trade Unions auf einem für sie günstigen Kriegsschauplatz schlagen. British Steel hat kein Monopol, wie sich gezeigt hat. Die Bemühungen der Gewerkschaften, den Transport von Stahl zu stoppen und die Einfuhr zu verhindern, hatten nur begrenzten Erfolg. Die Konjunktur ist flau, und die Auftragsbücher sind dünn. Die Wirtschaft wurde von dem Stahlstreik weit weniger gestört, als vorausgesagt worden war. Auch das Publikum wurde kaum berührt, anders als bei Gas, Wasser, Elektrizität oder Verkehr. Dennoch ist die psychologische Wirkung dieses Sieges nach Punkten groß. Die Erfahrungen des Streiks schlagen sich schon in anderen Branchen nieder. Beim Autokonzern British Leyland (BL), wo das Management eine sehr viel härtere Gangart eingeschlagen hat, läßt die Streikbereitschaft deutlich nach. Die betrieblichen Vertrauensleute können die Belegschaft längst nicht mehr so leicht lenken, wie sie es gewohnt waren. Ihre Isolierung von den Mitgliedern wächst, denen die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes im Nacken sitzt.

Diese Angst ist nun im rauheren sozialen Klima eine wichtige Komponente. Die Regierung nimmt höhere Arbeitslosigkeit in Kauf. Das soziale Netz fängt nicht mehr alle Opfer weich auf. Die Regierung vertraut offenbar auf die produktive Wirkung einer „Disziplin der Angst“. Nicht wenige britische Kommentatoren fragen sich erschrocken, ob die Gesellschaft die Spannungen aushalten wird, die eine solche Politik hervorrufen muß. Allerdings haben andere Kommentatoren schon seit Jahren die Frage gestellt, ob Großbritannien als Industrienation überleben kann, wenn sich nicht die Erkenntnis durchsetzt, daß hohe Ansprüche ohne hohe Leistungen nicht zu erfüllen sind.

Die eiserne Lady hat sich die Aufgabe gestellt, ihr Land, das bereits zu den ärmsten Mitgliedern der Europäischen Gemeinschaft gehört, vor einem weiteren Abstieg zu bewahren. In der Auseinandersetzung mit der Stahl-Gewerkschaft hat sie ihren ersten großen Erfolg erzielt.