Ein zweites Argument sind die hohen Transportkosten. Bisher wird das Gas in Pipelines an die Küste gepumpt, in den beiden Anlagen von Skikda und Arzew verflüssigt und dann auf Tanker verladen. Dieses Verfahren hat seine technischen Tücken, die immer wieder zu Pannen führten. So hat sich Algier entschlossen, eine Pipeline im Mittelmeer zu verlegen, die über Tunesien nach Sizilien führt und von dort direkt das europäische Netz speist.

Hier sehen die Algerier ein weiteres Argument, das höhere Preise rechtfertigt: die Sicherheit der Versorgung. Ende 1981 soll das Projekt fertiggestellt sein und dann jährlich zwölf Milliarden Tonnen Gas auf den europäischen Kontinent liefern. Damit könnte eine kontinuierliche Versorgung von gleichbleibender Qualität gewährleistet werden, wobei die Endverteilung in der Hand der Europäer läge. Zudem will die Sonatrach an langfristigen Lieferverträgen festhalten.

"Ob Sie es glauben oder nicht: Bisher arbeiten wir im Gasgeschäft mit Defizit", beteuern die Fachleute angesichts der brandneuen Anlagen von Hassi R’Mel, die Ingenieure aus aller Welt aus der Wüste gestampft haben. Lediglich die Gewinnung von Nebenprodukten (vor allem Butan- und Propangas) mache das ganze Unternehmen halbwegs rentabel.

Auch für diese Behauptung haben die Algerier einen Beleg zur Hand. 1969 schlossen sie mit der amerikanischen Gesellschaft. El Paso Verträge über die jährliche Lieferung von zehn Milliarden Kubikmetern Gas zu Preisen, die damals marktgerecht waren. Heute gilt das einst als zukunftsweisend gepriesene Projekt als Fehlschlag. Zwischen dem Beginn der Lieferungen im Mai 1978 und dem Juli 1979 ist angeblich ein Defizit von fast 300 Millionen Dollar entstanden, weil gestiegene Kapital- und Investitionskosten nicht im Preis kompensiert wurden.

Zur Zeit pokern El Paso und Gaz de France mit der Sonatrach "im Lichte der in der Welt der Energie während der letzten beiden Jahre eingetretenen Veränderungen" (so die offiziöse algerische Tageszeitung El Moudjahid) um neue Verträge. In der Pariser Zentrale von Gaz de France heißt es dazu lakonisch: "Wir sind zu einer Einigung verdammt." Das bedeutet nicht nur einen beträchtlichen Preissprung, sondern wohl auch eine Indexierung des Gaspreises, der an den Ölpreis gekoppelt werden soll.

Algerien ist indes bei weitem nicht das einzige Land, das seinen Kunden die Pistole auf die Brust setzt. Abu Dhabi zum Beispiel, das Emirat am Persischen Golf, hat bereits im letzten Dezember die Tarife für seine Gaslieferungen nach Japan verdoppelt. Mexiko zog es vor, 21 Monate lang riesige Gasmengen abzufackeln, statt sie zu unbefriedigenden Bedingungen in die USA zu liefern. Die Niederlande drohen ihren europäischen Nachbarn – darunter die Bundesrepublik – die Hähne zuzudrehen, falls ihre um vierzig Prozent erhöhte Forderung nicht erfüllt wird.

Schon heute kann es keinen Zweifel mehr daran geben, daß auch im Gasgeschäft die Lieferanten langfristig am längeren Hebel sitzen. "Wieviel wir letztlich verkaufen werden, hängt vor allem von den Preisen ab", heißt es heute in Algier. Dabei könnten die Algerier die gegenwärtige Produktion von Hassi R’Mel in kurzer Zeit auf das Dreifache steigern. Vorerst ziehen sie es noch vor, zum Teil nur die lukrativen Nebenprodukte (vor allem Butan und Propan) auszubeuten und das "trockene" Gas wieder unter den Wüstensand zu pumpen.