ARD, Freitag, 4. April: "Via Dolorosa" (Menschen und Straßen), Film von Wolf Littmann

Zugegeben, ein paar Informationen über die Geschichte der Jerusalemer Via Dolorosa, der Leidensstraße Christi, wären schon nützlich gewesen: über die Diskrepanz zwischen dem Weg Jesu und dem schmalen Prozessions-Corso von heute, über den Namen und die Stationskapellen der Straße, über mangelnde Authentizität und frommen Wunderglauben, aber auch über die Beziehungen zwischen damals und jetzt, über die Besatzungsmacht und ihre Soldaten und über das geringe Aufsehen, das, inmitten des Straßenlärms, die Prozessionen erregen: der Zug Jesu so gut wie die Pilgerwallfahrten, mit den italienischen Franziskanern voran.

Ja, und auch über die Eifersüchteleien um die Via Dolorosa herum, die Besitzverhältnisse und den daraus resultierenden Streit zwischen christlichen Religionsgemeinschaften und über den bombastischen Kitsch, jeder Nation ein Maximum an Scheußlichkeit zugestanden, hätte man gern Genaues erfahren, über Kaiser Wilhelms Erlöserkirche allem voran.

Aber der Mangel an Informationen, die einer schließlich überall bekommen kann, wurde aufgewogen, ja vielfach wettgemacht durch einen ebenso kenntnisreichen wie parteilichen Bericht. Ein Mann, Wolf Littmann, sagte "ich", bezeichnete seine Situation, wann er zum erstenmal in Jerusalem gewesen und mit welchen Gefühlen er zurückgekommen sei, nannte die Bedingungen seiner Arbeit (wo wie gefilmt werden konnte und wo nicht: israelische Soldaten hatten so wenig Aussagefreiheit wie die arabischen Ärzte des österreichischen Hospizes), führte Leute vor die Kamera, die ihm sympathisch waren (und das sagte er dann auch), und andere, die er weniger schätzte – und das sagte er gleichfalls. Anklage von Pilgern, die es sich leicht machten in ihrem Hinwegsehen über das Hier und Heute; entschiedene Kritik an den statements befragter Personen; Konfrontation von Interviewer- und Interviewten-Meinung: Das alles ist höchst ungewöhnlich im deutschen Fernsehen, soweit es sogenannte Kulturfilme betrifft, das klingt bisweilen ärgerlich und nach Schulmeisterart; aber das fordert eben dadurch die Stellungnahme jenes Betrachters am Bildschirm heraus, der bei kontroverser Sachlage aufgerufen ist, sich für die eine, die andere oder eine dritte Position zu entscheiden.

Auf diese Weise wurde das Karfreitagsgeschehen mitten hinein in die politische Situation des Jahres 1980 gestellt. Vom Rand her, aus der Sichtweise der Handwerker und Andenkenverkäufer, der betenden Moslems und der lesenden, singenden, tanzenden Juden, gewann die Via Dolorosa den Charakter eines Leidenswegs, der, auf hier und jetzt umkämpftem Feld, mehr als eine Erinnerungsstraße ist, die sich mit Spielzeugkreuzen abschreiten läßt.

Nicht nur die Geschichte an Hand von Psalmen und Evangelienberichten zu rekapitulieren, sondern auch die Gegenwart ins Blickfeld zu rücken, den Lärm- und Schmutz- und Machtbezirk hinter dem Jeruschalejm auf Goldgrund: dies war Wolf Littmanns Ziel. Und darum wurde er ausfällig gegen jene, die nur das eine, aber nicht das andere sehen wollten und in diesem einen immer nur das ihre.

Und dafür sollten wir, die Zuschauer, ihm dankbar sein. Dankbar, daß einer den Mut aufbrachte, zornig zu werden. Und dies am Karfreitag. Momos