Leuchtreklamen – ein grelles Gewirr von nackten Mädchen, Kraftmännern und Sportlern – versprechen Erlebnisse, von denen auch der Kühnste nicht zu träumen wagt: Hamburger Dom, Frühjahrskirmes in der Hansestadt. Seeleute zeigen trotz eisiger Kälte ihre haarigen Brustkörbe vor – und brauchen hinterher sicherlich viel Grog. Liebespaare schieben sich durchs Gedränge, Damen eines gewissen Gewerbes stöckeln in hochhackigen Lederstiefeln die Buden entlang. Dazwischen schreiende Kinder.

Um ein vollgültiges Mitglied der "Domfamilie" zu werden, muß man jeden Tag hierher kommen, wie die nicht nur vom Wind aufgeblasenen Jungpopper oder die drei Figuren vor der Schießbude, die mit lila gefärbten Haaren "unheimlich einen auf Punk" machen. Beim Anblick eines in eine rosa Seidenhose eingesperrten Mädchens, das sich an eine nackte Männerbrust wirft, fällt mir auf, daß sich der Frost meiner linken, kleinen Zehe angenommen hat.

Düfte tricksen meinen Geruchssinn aus. Die Fischbrötchen links riechen nach gebrannten Mandeln, die rechts verkauft werden. Oder ist es umgekehrt?. Ein paar Schritte weiter steigen mir die Rauchschwaden der deutschen Jahrmarkts-Wurstkultur in die Nase: Thüringer, Frankfurter, lange, dünne, dicke, zu zweit oder allein, auf Pappe oder im Brötchen. Ich nehme Zuflucht zu einem "Berliner", während die neueste Discomusik zum "Mondflug" animiert. Nebenan begleitet Schrammelmusik aus einem goldverschnörkelten Orchestrion das Kreisen eines alten Pferdekarussells. Wohl aus Rationalisierungsgründen ist der sonst übliche lebende Affe durch einen Stoffaffen ersetzt.

Um ein Haar renne ich gegen einen Losverkäufer, der mit kleinen, roten Losen, große, grüne Teddybären unter die Leute bringen will: "Immer schön lustig, immer schön lustig, sonst wird das Geld nur wieder rostig." Ich verschiebe den Kauf auf später, weil ich fürchte, daß ich dieses Greuel von Teddybär tatsächlich gewinne.

Der Knüller vom Dom heißt "Super Passat" und sieht aus wie eine Riesenkrake. Ich steige ein. Bedächtig beginnt sich das Ding zu drehen, langsam gleiten die Wagen an den Enden der Krakenarme in die Höhe. Die Geschwindigkeit steigert sich, die Wagen klettern höher und höher. Am Ende rotieren sie um die eigene Achse und stellen mich, zwanzig Meter über dem Boden, immer wieder auf den Kopf. Mal habe ich den Magen in der Kehle und verspüre ein Würgen, mal in den Zehen – dort verspüre ich nichts. Der Absturz scheint immer unvermeidlicher. Jedoch naht unversehens das glückliche Ende – nichts wie raus. Die Leute rufen "Zugabe". Gott sei Dank, es gibt keine!

Beim Aussteigen geht mir eine Stufe aus dem Weg und läßt mich stolpern. Mir ist überhaupt nicht schwindelig, und so lehne ich mich lässig an einen Pfeiler. Die Menge, in die ich blicke, schwankte Nach einigen Minuten der Erholung gehe ich weiter und nehme mir fest vor, das nächste Karussell, das ich besteige, wird so eins mit festgeschraubten kleinen Pferdchen sein, auf denen man reiten kann, während es sich dreht.

Am Kettenkarussell überlege ich kurz, ob dies meinen kalten Füßen nicht guttäte, weil die Fliehkraft doch das Blut dorthin schießen läßt. Mein Magen sagt "nein".