ARD, Sonnabend, 12. April: "Kirche ohne Priester: Droht ein pastoraler Notstand

Wenn es um strittige Dinge geht, sogenannte heiße Eisen, dann kann der Betrachter am Bildschirm gewiß sein, daß ihm das Strittige in der allerbehutsamsten Form und das Heiße als labberige Essenz, lauwarm und schon ein bißchen faulig, dargereicht wird. Zu diesem Zweck der moderaten Abkühlung dient ein Verfahren, das, tausendfach bewährt, mittlerweile längst die Bedeutung eines Rituals gewonnen hat: Man führt das in Frage stehende Problem vor Ort vor und läßt es zugleich durch zwei sogenannte Sachverständige kontrovers diskutieren... durch, zwei Experten freilich, die sich nicht etwa gegenübersitzen und in offener Feldschlacht ihr Streitthema analysieren – nein, das wäre zu direkt und plump! So einfach machen es die Fernsehleute nicht: Sie inszenieren Geisterdebatten. Dispute telepathischer Art.

A und B, zwei Herren, denen genau die gleichen Fragen gestellt werden, antworten einander, reflektieren mit der eigenen auch die gegnerische Position – und wissen bei alledem nichts voneinander; jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie, Zuschauer wie jeder andere auch, ihren Kontrahenten im Geisterreich auf dem Bildschirm entdecken – genasführte Monologisierer, die plötzlich bemerken, daß sie, ohne ihr Wissen, Dialogpartner waren.

Muß das wirklich so sein? Diese Antithesen im Geisterreich – könnten und sollten sie nicht im dialektischen Spiel einer wirklichen Auseinandersetzung realisiert werden? Eine Debatte um den Zölibat, seine theologische Begründung und seine Absurdität in einer pluralistischen Gesellschaft: welche Aspekte wären da sichtbar geworden, in lebendiger Auseinandersetzung zwischen den – leider – gesondert, befragten Kontrahenten Norbert Greinacher (auf zu neuen Ufern im Zeichen neutestamentlicher Offenheit, die nichts vom Priesterkult weiß) und Karl Lehmann (mulier taceat in ecclesia: zumindest in den oberen Rängen. Das Priestertum des Mannes hat sich bewährt. Es ist gut, wenn’s dabei bleibt. Auch ein clerus minor hat seine Würde).

Hei, da wären die Fetzen geflogen, das Eisen hätte geglüht, das Strittige wäre, statt lieb und betulich zerredet zu werden, als ein dramatisches Problem sichtbar geworden: Der Zölibat – die Erbschaft der Kirche, nicht die Erbschaft des Evangeliums? Norbert Greinacher und Karl Lehmann, in die Schranken gefordert, um den Korintherbrief-Spruch zu erörtern – den Spruch und seine Folgen: "Der Unverheiratete sorgt sich um die Dinge des Herrn, wie er dem Herrn gefallen möge; der Verheiratete aber sorgt sich um die Dinge der Welt, wie er seiner Frau gefallen möge"! Freilich: Man hätte mit offenem Visier kämpfen müssen, es hätte Streit und Ärger gegeben – und eben dies gilt für die Fernsehmacher als Tabu, und darum wird das kuriose Ritual der Geistergespräche mit Gewißheit kaum eher beseitigt werden als der Zölibat in der katholischen Kirche. Schließlich haben auch ARD und ZDF ihre verqueren Apostel. Momos