Von Rolf Zundel

Saarbrücken, im April

Wo in der Bundesrepublik wäre so etwas noch möglich? Vierzehn Tage vor der Landtagswahl feierte der SPD-Ortsverein Spießen, in einem Ort von etwa 7000 Einwohnern zwischen Saarbrücken und Neunkirchen, sein 60jähriges Jubiläum im katholischen Pfarrheim. Und es geschah, wie der proper gekleidete Ortsvorsitzende etwas stotternd angekündigt hatte, "in würdiger und geselliger Weise". Ein Männerchor intonierte stimm- und gefühlsgewaltig "Musik, du heilige Kunst" und besang die Heimat an der Saar: "Die deutschen Lieder klingen immer noch..." Ein Dutzend Abgesandte verschiedener Vereine – vom Fußballclub über die Chorgemeinschaft bis zur Freiwilligen Feuerwehr – entboten ihre Grüße und überbrachten im verschlossenen Umschlag ein kleines Feuerwehr Als "Vertreter der Geistlichkeit" gratulierte der evangelische Pfarrer und sprach abgewogen vom Auftrag der Parteien zur politischen Willensbildung. Die FDP wünschte Glück, der Repräsentant der CDU kam mit einem Blumenstrauß und wußte "Dank zu sagen für erfolgreiche gemeinsame Arbeit".

Mit Urkunde, Geschenk und Anstecknadel wurden langjährige Mitglieder der Partei geehrt, darunter ein alter Herr im dunklen Sonntagsanzug für 60 Jahre "Treue zur SPD". Er war zur Partei gestoßen, als hier noch, so der Landesvorsitzende Oskar Lafontaine, "die Familie Stumm regierte". Er hat die Abstimmung 1935 erlebt, die Jahre der Nazis und nach 1945 "die Franzosenzeit, wie wir Saarländer sagen". Heute hat die SPD in der Großgemeinde Spießen-Elversberg zum erstenmal die Mehrheit erreicht – ein Modell für das Land?

Das Saarland ist ein vertracktes Gelände, das sich nicht ganz in die politischen Schablonen pressen läßt, die sonst in der Bundesrepublik gelten. Da dominiert, trotz Kohlen- und Stahlkrise, immer noch die Montanindustrie; hinter blühenden Schlehenbüschen ragen die klotzigen Silhouetten von Hüttenwerken und Hochöfen wie im Ruhrgebiet, aber die großen Städte sind selten, und 65 Prozent der Familien wohnen im eigenen Häuschen – mehr als in Baden-Württemberg. Das Vereinsleben blüht, die Organisationsdichte der Parteien (CDU etwas über 30 000, SPD etwas unter 30 000 und die FDP um 3000 Mitglieder) ist höher als in irgendeinem anderen Bundesland.

Die katholische Kirche ist hier noch wahrhaft Institution: Der SPD-Vorsitzende wurde auf dem bischöflichen Konvikt erzogen und studierte mit dem Begabtenstipendium des katholischen Cusanus-Werks. Und bis vor kurzem, so will die Legende wissen, begannen in den Dörfern die Ratssitzungen noch mit einem Gebet und einem Legende Es gibt nur eine große Zeitung im Lande, und die steht fest in konservativ-bürgerlicher Tradition; Sozialdemokraten sprechen von einer "Medienbarriere".

Noch wirkt auch die "Franzosenzeit" nach, die gemeinsame Kampfzeit für die Parteien. Man geht pfleglich miteinander um. So ist es zum Teil auch zu erklären, daß die einzige wirkliche leidenschaftliche Auseinandersetzung um zwei Begriffe geführt wird, die Lafontaine zur Charakterisierung seiner Gegner benutzt hat. Er nannte den Ministerpräsidenten Werner Zeyer (CDU) und seinen Koalitionspartner, den Wirtschaftsminister Werner Klumpp (FDP) "Dummschwätzer" und "Tünnesse". Was in einem anderen Bundesland kaum registriert worden wäre und gewiß kaum als Entgleisung, entfachte hier – nicht ohne Nachhilfe der CDU – einen Sturm der Empörung.