Von Horst Bieber

Gelsenkirchen, im April

Johannes Stüttgen, 35jähriger Kunsterzieher in Gelsenkirchen, Mitarbeiter von Joseph Beuys und Direktkandidat der Grünen im Wahlkreis 87, verbreitet nur gedämpften Optimismus: "Das Revier ist kein grünes Pflaster", sagt er selbstkritisch, und bei allem gesunden, allen Phrasen abholden Menschenverstand der Leute im Ruhrgebiet sei es eben doch so, daß sie. "aus dummer Angewohnheit SPD wählen". Deshalb wäre es albern, wie gebannt auf den 11. Mai und die Fünf-Prozent-Marke zu starren; "viel wichtig ger" sei es, gegen die allerorten spürbare "Parteiverdrossenheit anzugehen – gemäß dem Wahlkampfmotto: "Mut zum politischen Frühling" – und "das Gespräch, zwischen den Menschen in Gang zu setzen". Oder, auf eine Pointe gebracht: "Wir Grünen brauchen nicht nur einen offenen Mund, sondern auch offene Ohren."

Ähnlich verhaltene. Zuversicht lassen fast alle nordrhein-westfälischen Grünen erkennen. Während die Umfragen ihnen zwischen 3,1 und 4,2 Prozent zubilligen, erklärt ein Mann wie Kurt Biedenkopf öffentlich: "Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Grünen die Fünf-Prozent-Klausel überspringen." Die Grünen selber rechnen mit einem Ergebnis zwischen fünf und sechs Prozent. Bei den Europa wählen brachten sie es auf rund 242 000 Stimmen (damals drei Prozent); gehen zwischen 75 und 80 Prozent der Wahlberechtigten zur Urne, benötigen sie um die 480 000 Stimmen für den Sprung über die Sperrhürde. Ob sie diese Verdoppelung schaffen, ist völlig offen; die Kommunalwahlen des vergangenen Jahres bieten keinen Vergleichsmaßstab, da die Grünen nicht überall angetreten waren. Diesmal müssen sie einen flächendeckenden Wahlkampf führen, sonst haben sie – in ihren eigenen Worten – "überhaupt keine Chance Die positiven Vorzeichen und die negativen Umstände halten sich die Waage, so daß es schon ein kleines Wunder braucht, sollten in den nächsten fünf Jahren unter den 200 Landtagsabgeordneten wenigstens zehn Grüne ihre Stimme erheben. Die Landesreserveliste mit 18 Namen ist jedenfalls im Urteil einer grünen Wahlhelfern "fröhlich unverschämt".

Manche Probleme haben sich die Grünen an Rhein und Ruhr selbst eingebrockt. Anders als etwa in Bremen und Baden-Württemberg hat die Grenzziehung zwischen "links" und "grün" bis Ende Februar dieses Jahres den Mitte Dezember gegründeten Landesverband über Gebühr beschäftigt. Erst in Wesel (24. Februar) konnte die Frage der Doppelmitgliedschaft im Sinne der Bundessatzung entschieden werden: Ab Ende April gibt es nur mehr eine grüne Parteizugehörigkeit "Grüne Liste Umweltschutz", "Grüne Aktion Zukunft", "Aktionsgemeinschaft unabhängiger Deutscher" werden bis zu diesem Zeitpunkt ihre Auflösung beschließen und ihren Mitgliedern zur Urabstimmung vorlegen. Erst am 8. und 9. März konnte in Herne das Programm verabschiedet werden: Danach waren die Grünen vollauf beschäftigt, für jeden der Kandidaten in allen 151 Wahlkreisen jeweils 100 Unterschriften zu sammeln und noch einmal 1000 für die Lardesreserveliste.

Der feste Wille, keine zentrale Parteiführung aufzubauen, bescherte den vier Regionalgeschäftsstellen in Bielefeld, Bochum, Düsseldorf und Köln zusätzliche Organisationsarbeit; die über 50 Kreisverbände mußten vieles in eigener Regie erledigen. Die Druckereien kamen nicht nach; niemand hatte damit gerechnet, daß 120 000 Kurzprogramme in einer Woche vergriffen sein könnten. Doch am Freitag voriger Woche hatten sie es geschafft: Der Landeswahlausschuß erkannte sie als einzige "grüne" Partei an; zwei Konkurrenten, Splitter der grünen Bewegung, kandidieren nur direkt in einzelnen Wahlkreisen und spielen keine Rolle mehr. Zu Wochenanfang konnte endlich mit der Planung des landesweiten Wahlkampfes begonnen werden.

Ein Mindestmaß hektischen Durcheinanders gehört zum Wesen der Grünen; dies gestehen sie zu, obschon der oft verwendete Ausdruck "Chaos" sie kränkt, weil sie darin entweder bewußte Diffamierung oder Unkenntnis ihrer Prinzipien wittern. Die rund 3300 Mitglieder des Landesverbandes ("Wir haben täglich zehn bis zwanzig Neuanträge.") wollen keine perfekte Organisation; "wir wollen", so formuliert es ein Kölner Grüner, "Engagement zusammen mit denen, denen man menschlich vertrauen kann". Sie legen Wert darauf, "die Chance für jeden offenzulassen, verantwortlich mitzuarbeiten". Zahlende Mitglieder ohne Bereitschaft zum persönlichen Einsatz sind bei den Grünen selten, und bis jetzt haben sie es verstanden, die hinzugekommenen Mitglieder (im Dezember 700; Mitte Januar schon 2100) in diesem Sinne zu integrieren (wobei den etwa 900 Frauen eine autonome Stellung eingeräumt wird).