Die Sportler der Vereinigten Staaten von Amerika werden nicht an den Olympischen Spielen in Moskau teilnehmen. Die Regierung in Washington hat es für sie beschlossen, und das Nationale Olympische Komitee des Landes hat sich, mit Zweidrittelmehrheit und dem verbliebenen Rest seiner Zuständigkeit dazu durchgerungen, diesen Beschluß zu seinem eigenen zu machen.

Die Entscheidung ist auch in Amerika heftiger umstritten, als es Präsident Carter wahrhaben will. Daß sie schließlich so fallen würde, wie sie nun – endgültig – gefallen ist, konnte freilich kaum noch zweifelhaft sein: Nie zuvor sind die Vertreter des Sports in einem demokratischen Land dermaßen unter politischen Druck gesetzt worden. Dies bleibt festzuhalten, auch wenn man die Motive der Regierung Carter als ehrenwert und die Argumente für ihr Handeln als respektabel ansieht. Die Entscheidung sei "unter rüdem Druck, der Administration in Washington" zustandegekommen, hieß es in einer Stellungnahme aus Moskau, und es ist nicht leicht, dies als eine Propagandalüge zurückzuweisen.

Wie glaubwürdig ist ein Boykott, der nur mit halbem Herzen und – wenn’s hochkommt – mit halber Mannschaft vollzogen wird? Und wem wird man damit Eindruck machen? Den Machthabern im Kreml? Den Menschen in der Sowjetunion?

Über Sinn und Unsinn eines demonstrativen Verzichts auf die Teilnahme an den Spielen in Moskau ist in den vergangenen Wochen ausgiebig diskutiert worden. Nicht immer fair, nicht immer redlich, nicht immer sachkundig. Manch einer fand die Gelegenheit trefflich, mal wieder ein bißchen Munition des Kalten Krieges abzuschießen; manch anderer nutzte die Chance, seiner eingefleischten Aversion gegen das Unternehmen Olympia und gegen Sport und Sportler überhaupt Luft zu machen. Sportler, denen man doch früher gern eine gewisse Obrigkeitshörigkeit und Regierungsfrömmigkeit unterstellte, sahen sich unversehens als Vaterlands- und gewissenlose Gesellen beschimpft, die naiv, ehrgeizig und opportunistisch dem eigenen Vorteil nachrennen.

"...scheint doch die allzu starke beziehungsweise einseitige Beschäftigung mit Spitzen- und Leistungssport sich nicht vorteilhaft auf die Entwicklung des allgemeinen Denkvermögens auszuwirken", schrieb zum Beispiel ein Herr Dr. Konrad Adenauer aus Köln in einem Leserbrief an die FAZ und lieferte damit einen von vielen Diskussionsbeiträgen unter der Gürtellinie. Ob ein Boykott des Olympia-Schauplatzes Moskau politisch sinnvoll ist oder nicht, darüber zu streiten gibt es auf beiden Seiten genügend sachliche Argumente. Die Sportler, dem Ereignis Olympia naturgemäß näherstehend als andere, geraten freilich stets in den Verdacht der Dummheit und des Egoismus, wenn sie sich – vielleicht aus wohlbedachten Gründen – gegen Boykott aussprechen. Daß sie über ihre politische Verantwortung nachgedacht haben könnten, halten Kritiker offenbar nicht für möglich. Wie kann man Solidarität erwarten, wenn es an Toleranz gegenüber der Meinung des anderen fehlt?

Frieden und Sicherheit der Nation, ja der ganzen Welt hingen von ihrer Entscheidung ab, gab US-Vizepräsident Mondale den Delegierten des amerikanischen Olympischen Komitees zu bedenken, als sie abzustimmen hatten: "Falls wir und unsere Verbündeten nicht jedes friedliche Mittel zur Bewahrung des Friedens anwenden, welche Hoffnung bleibt dann, daß der Friede noch lange erhalten werden kann?"

Krieg oder Frieden in den Händen des Olympischen Komitees? Welcher Sportler könnte sich angesichts einer solchen Alternative den Argumenten der Staatsräson versperren? Es scheint indessen, daß die Politiker in dieser Zeit schlimmer weltpolitischer Krisen dem Sport ein bißchen viel Verantwortung aufbürden. Boykott der Spiele in Moskau als ein Akt der moralischen Mißbilligung des sowjetischen Vorgehens in Afghanistan – das versteht man. Aber Boykott als ein Beitrag zur Sicherung des Weltfriedens? Da sei die Frage wiederholt: Welche Hoffnung bleibt dann, daß der Friede erhalten werden kann? Aloys Behler