Über den belgischen Sprachenstreit ist nun auch die sechste Regierung des Landes gestolpert.

Ein Jahr lang kämpfte Belgiens pragmatischer Regierungschef Wilfried Martens um das neue Gesicht des Königreichs, in dem Wallonen und Flamen künftig ohne Sprachenstreit leben sollten. Dann gab er auf.

"Rebellen" aus den eigenen Reihen der flämischen christlichen Volkspartei (CVP) versagten ihm das Vertäuen, als es darum ging, die neue föderalistische Staatsform auch gesetzlich zu verankern. Eine von einer breiten Mehrheit getragene Koalitionsregierung aus Sozialisten und Christdemokraten beider Sprachgruppen, so hatte Martens zu Beginn seiner Amtszeit gehofft, könnte den Querelen zwischen den beiden Regionen Wallonien und Flandern ein Ende setzen.

Der belgische Sprachenstreit hat historische Ausmaße: Er dauert seit der Gründung des Staates vor 150 Jahren unvermindert heftig an. Während zunächst die frankophon nen Wallonen im industriell entwickelteren Süden den Ton angaben, zogen die Flamen des Nordens inzwischen nach. Bis 1963 erkämpften sie sich eine feste Sprachengrenze, Kulturautonomie und Ämterproporz.

Die von flämischem Umland eingeschlossene Hauptstadt Brüssel wurde zum zweisprachigen Gebiet erklärt. Zum Nachteil allerdings für die Wallonen: Denn obwohl sie in der Stadt die Bevölkerungsmehrheit stellen, setzten die Flamen im nationalen Parlament ein zusätzliches Wahlrecht für die Umlandflamen in dem Brüsseler Regionalstatut durch. Diesem Vorstoß stimmten die Wallonen unter der Bedingung zu, daß auch ihren Vertretern aus den Stadtrandgebieten Sitz und Stimme im Regionalparlament eingeräumt würde.

Selbst der alte Zankapfel Brüssel schien also endlich beiden Seiten hinreichend genießbar. Da legten sich überraschend in letzter Minute acht flämische Fraktionsfreunde von Regierungschef Martens quer. Über ihre Gründe muß spekuliert werden. Sicher ist nur, daß sie einem engeren Kreis um den CVP-Vorsitzenden Leo Tindemans zugerechnet werden, der als Ministerpräsident selbst über den Sprachenstreit gestolpert war: Eifersucht auf den erfolgreicheren Kollegen?

Die politische Krise trifft jedenfalls Belgien gegenwärtig besonders hart, da das Land mit enormen wirtschaftlichen, sozialen und finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Deshalb auch hat König Baudouin den flämischen Sozialisten und amtierenden Wirtschaftsminister Willy Claes beauftragt, möglichst schnell innerhalb der Parteien die Möglichkeiten einer neuen Regierungsbildung zu sondieren.