Ehrgeiz ist eine der Tugenden, die dem portugiesischen Ministerpräsidenten Francisco Sá Carneiro bestimmt nicht fehlen. Von Ehrgeiz, aber auch von Ungeduld, ist sein energischer Versuch geprägt, sechs Jahre nach der Nelkenrevolution das Land von den sozialistischen Resten jener Aufbruchstimmung zu befreien und die wirtschaftliche Hypothek abzutragen. Dazu braucht Portugal Hilfe, immer noch und mehr als bisher. Gewähren soll sie die EG, und der schnelle Eintritt in die Gemeinschaft war eines der Themen bei dem Bonner Arbeitsbesuch des Politikers.

Bonn konnte nur wohlwollenden Realismus offerieren: Wohlwollen für den portugiesischen Wunsch, realistische Hinweise auf die weltwirtschaftlichen Probleme, die größere Schwierigkeiten bei der unvermeidlichen und ebenso teueren wie schmerzhaften Anpassung bringen werden. Dennoch konnte die portugiesische Delegation zufrieden heimreisen. Afghanistan und Iran haben der Stabilisierung der Nato-Randstaaten jene Wichtigkeit verliehen, die sonst verschlossene Kassen zu öffnen pflegt.

Das gegenseitige Interesse bietet zugleich die Möglichkeit, eine Mißstimmung auszuräumen. Die Bundesrepublik hat den demokratischen Übergang stets mit Wohlwollen und tatkräftiger Hilfe verfolgt, wobei die Tatsache, daß ein Sozialist den kommunistischen Ansturm erfolgreich abwehrte und später die Regierung übernahm, dem Engagement nicht eben hinderlich war. Soares scheiterte, und sein Rivale Sá Carneiro hatte zu lange gewartet, um seinen Triumph nicht voll auszukosten – ehrgeizig und ungeduldig.

In den bevorstehenden Beitrittsverhandlungen wird genug Gelegenheit sein, den konservativen Regierungschef davon zu überzeugen, daß die Gemeinschaft ein demokratisches Portugal unabhängig von der regierenden Partei aufnehmen will – vor allem aber Wert auf einen Staat legt, der nicht durch einen radikalen, auf Biegen und Brechen erzwungenen Kurswechsel seine mühsam errungene Stabilität wieder gefährdet. H. B.