Die Erfindung der Buhrufe wurde notwendig, seit die Hausschlüssel aus Sicherheitsgründen zusammenschrumpften und keine Löcher mehr haben, auf denen noch unsere Väter im Theater so herrlich pfeifen konnten: eine etwas schrille Generation. Die heutige Jugend, wenigstens die kunstfreudige, liebt die dunklen, dumpfen Unkenrufe als Urlaute des Unwillens. Und die modernen Theaterkritiker führen pflichtgemäß die allfälligen Buhrufe in ihren Berichten an, wie die früheren Rezensenten die Pfiffe. Wandel der Epochen. Aber in einer Hinsicht leben wir noch immer in der guten alten Zeit. Ich meine: hinsichtlich der faulen Eier, respektive Tomaten.

Aus jenen Tagen, da Vater den Hausschlüssel blies, habe ich noch ein Ei in Erinnerung, das langsam den Frack eines Dirigenten herunterlief.

Wir saßen in der zweiten Reihe des Konzertsaals, und deshalb konnte ich gut beobachten, welchen Weg das Ei nahm, während der Dirigent ruhig weiterdirigierte. Es handelte sich um ein Werk von Strawinskij.

Das Ei wurde aus der dritten oder vierten Reihe geworfen und traf den Dirigenten knapp unterhalb des Kragens, wo es zerschellte. Der Künstler machte unglücklicherweise gerade eine, ruckartige Drehung, verursacht durch den Einsatz, den er den Blechbläsern gab. Durch diesen Ruck wurde der Dotter vom Eiweiß getrennt. Und zwar so, daß ein gelber Klecks auf der rechten Schulterblattpartie des Fracks entstand.

Während das Eiweiß still abwärts rann und seinen Weg zwischen den Frackschößen suchte und fand, veranstaltete der Dotter allerlei Unfug. Ein rechter Wildfang – so tändelte er gelb auf schwarz umher. Und dann flog auch noch eine Tomate durch den Saal. Es war der ehrwürdige Gürzenich im alten hilligen Köln.

Die Tomate verfehlte ihr Ziel und traf einen liebenswerten alteren Menschen, den Vater eines Schulkameraden. Er konnte wahrlich nichtsfür das Gürzenich-Programm. Kurzum: Die Tomate traf den ersten zweiten Geiger.

Am anderen Tage stand in der Kölnischen Zeitung, es sei mit faulen Eiern und Tomaten geworfen worden.