Bücher und bildende Kunst: Provinzielle Berührungsängste in der zeitgenössischen deutschen Literatur

Nicht erst seit Lessings "Laokoon", aber seither in verstärktem Maße, ist das Problem der Abgrenzung von Literatur und bildender Kunst ein beherrschendes Thema der Ästhetik. Die Ablehnung oder die Identifizierung mit dem Horazschen "ut pictora poesis" war aber nicht nur Angelegenheit der Theorie, die daraus Wertmaßstäbe abzuleiten hoffte, sondern beschäftigte die Künstler selber auf verschiedenste Weise, deren praktische Arbeit ja gottlob nicht darin bestand, einer Theorie zu gehorchen. (Daran hat sich einiges geändert, leider.) Es entstand, besonders seit der Romantik und bis zum Ende der Weimarer Republik, ein intensiver Dialog zwischen Literatur und bildender Kunst und damit natürlich zwischen Schriftstellern und Malern, der die Entwicklung der Kunst entscheidend beeinflußt hat und für die Künstler selbstverständlich auch lebenspraktische Folgen hatte.

Dieser langandauernde Prozeß ist unterbrochen, wenn nicht gar beendet: Die Literatur läßt sich von der bildenden Kunst nichts mehr sagen, sie stellt sich taub gegen deren verführerische Einflüsterungen. Alle Versuche, nach dem Kriege diesen Dialog noch einmal aufzunehmen, sind bald gescheitert, blätter und bildet, die von einem Maler und einem Schriftsteller herausgegebene Zeitschrift, gibt es nicht mehr, und die Zeitschrift für Literatur und Kunst, manuskripte, hat sich stillschweigend in eine reine Literaturzeitschrift verwandelt. In dem Maße sich die Literatur abgeschirmt hat gegen Einflüsse ander rer Künste, auch der Musik, in dem Maße ist sie im bürgerlichen Verstand "erfolgreich" geworden – wenn auch um den Preis der Originalität: Sie hat sich in sich selber zurückgezogen.

Die auffallende Interesselosigkeit gegenüber andern Medien, der Mangel an ästhetischen und denkerischen Risiken, die strikte Abgrenzung gegenüber Wissenschaft, kurz: der provinzielle Charakter, der unsere gegenwärtige Literatur kennzeichnet, ist ja (leider) weder das Ergebnis einer Selbstbesinnung auf das eigene Material, die Sprache, noch Indiz für eine bewußte Herausarbeitung einer spezifisch literarischen Erkenntnis, sondern Resultat der Anpassung an den vor zehn Jahren noch mit pathetischer Geste zurückgewiesenen "herrschenden Geschmack". Der herrscht natürlich immer noch, und wenn er abends von seinen Regierungsgeschäften nach Hause kommt, liest er schmunzelnd die literarischen Neuerscheinungen, bevor er sich, nun wirklich hungrig geworden, zum Abendbrot begibt Mit anderen Worten: Die Literatur hat sich nicht nach den theoretischen Vorgaben der ästhetischen Theorie von Theodor W. Adorno entwickelt, als eine sich dem gesellschaftlichen Verschleiß entziehende Produktion, sondern hat sich ihres mimetischen Charakters besonnen – was nichts anderes wäre als die Erfüllung der von Georg Lukács entwickelten Theorie, für deren Verbreiter man vor zehn Jahren, oder ist es schon länger her?, nur ein mildes Lächeln übrig hatte. (Es kommt mir sehr plausibel vor, daß zum Beispiel das letzte Buch von Peter Handke außer in dieser Zeitung weitgehend mit Unverständnis aufgenommen wurde: Es ist, besonders im ersten Teil, eines der seltenen Beispiele nicht angepaßter Literatur.)

Heißt das nun aber, daß unsere Literatur, um mit Lukács zu sprechen, zur Erinnerung der Menschheit wird, zum sich objektivierenden, weltschaffenden, geschichtlichen Gedächtnis? Auf der kreativen wie auf der rezeptiven Seite dürfte es nur wenige geben, die die gegenwärtige Literatur so einschätzen würden. Abgesehen davon, ob überhaupt jemals, nieder. jemand existieren – wird, der sich unserer erinnern mag, es dürfte auf jeden Fall sehr zweifelhaft sein, daß er sich auf Grund der Literatur der siebziger Jahre an uns erinnert.

Überpointiert ausgedrückt: Die Literatur ist, trotz aller gegenteiligen Beteuerungen, trotz der wahrhaft großen Förderung, trotz des wachsenden Marktes und der vielen Germanisten etwas Unbedeutendes geworden in unserer Gesellschaft.

Da helfen weder die entrüsteten Klagen und falschen Schuldzuweisungen Horst Albert Glasers (ZEIT, 25. Januar 1980), die ja nichts anderes verstecken als die drohende Geste des Professors gegen die faulen Schüler, noch die etwas kurzatmig vorgetragene Verteidigung der Schüler durch Christian Schultz-Gerstein im Spiegel, wonach diese sich von den gespreizten Kulturritualen der "Gesellschaft" abwenden und einer, pauschal ausgedrückt, 2001-Kultur den Hof machen. Quatsch mit Soße, weil beide von Verpackungen reden, nicht vom Inhalt. Und im übrigen kaufe ich. mittlerweile meine Literatur aus dem 18. Jahrhundert bei 2001, wo es die billige Arno-Schmidt-Bibliothek gibt, und lasse den von der sogenannten Gegenkultur (dazu darf ja nun wohl auch der Playboy zählen) favorisierten Bukowski neben dem Gesamtwerk von Beethoven liegen.