Die Hochhäuser am Strand sind die Slums von morgen

An diesem Morgen kommt der Wind vom Meer. Latrinengeruch liegt über der sanft geschwungenen, viereinhalb Kilometer langen Bucht von Copacabana. Es ist sechs Uhr früh. In unserem "Mittelklassehotel" – auch diese gibt es zwischen den Luxuskästen in Rio de Janeiros angeblichem Prachtviertel – rumpeln die Motoren der Klimaanlage. Im Badezimmer tropft ein defekter Wasserhahn, doch an Duschen ist nicht zu denken: Der Abfluß ist verstopft.

Draußen belebt sich der Strand, ungezählte Männer in orangefarbenen Arbeitsanzügen versuchen, mit Schaufeln all den Unrat vom feinen Sand zu kratzen, den das Meer unerbittlich an die Küste schwemmt. Da nützen auch die einige Kilometer hinausreichenden Unterwasserleitungen nichts; bei starker Strömung legen sich die ungeklärten, bakterienverseuchten Abwässer der Acht-Millionen-Stadt wie ein schleimiger, graubrauner Film auf den Strand. Koli-cabana.

Eine Stunde später kommen die Jogger, strömen aus den Schluchten zwischen den Hochhäusern zum Meer, es sind Hunderte; manche haben Bälle mitgebracht, spielen Handball, üben Liegestütz, ein friedliches Bild. – Bis halb neun. Dann erzittert der Hotelbalkon im Gedröhn der Autokolonnen, die heulend über die sechsspurige Strandpromenade rasen.

Ein Reiseleiter gibt freundliche Tips. Keine Handtücher zum Baden mitnehmen, keine Sonnenmilch, die einem lieb ist, um Himmels willen die Uhr an der Rezeption abgeben und auch das Kettchen um den Hals. "Aber das lege ich nie ab", versucht die Touristin einzuwenden und bekommt zur Antwort: "Es könnte Ihnen weh tun, wenn es Ihnen vom Hals gerissen wird."

Hinter den Autoschlangen blitzt der Atlantik blau und verführerisch. Die ersten Pipas, bunt gefiederte Vogeldrachen steigen auf, und ein paar Wellenreiter liegen träge in der hohen Brandung auf dem Brett. Schwimmen ist lebensgefährlich. Nach einer künstlichen Strandverbreiterung ist das natürliche Profil so ungünstig verändert worden, daß sich das Meer zu meterhohen Brechern türmt und Badende in mächtige Strudel reißen würde. Man läßt sich naßspritzen, mehr nicht.

Wer sich umschaut, vom Strand aus seinen Hotelbalkon sucht, den trifft die Skyline von Copacabana wie ein Schock. Sie ist abweisender und brutaler als der Betonwall von Torremolinos, Palma und Miami zusammen, eine klotzige, protzige, feindliche Mauer. Es sind die Slums von morgen.