Von Marlies Menge

Ostberlin, im April

Zum erstenmal werden wir von unserem Großen Bruder weniger bedrängt als ihr", sagte verwundert ein DDR-Freund zu mir. "Wenn man sieht, wie Carter euch in der Irankrise und beim Olympiaboykott in die Pflicht zu nehmen versucht, da kann einem richtig angst und bange werden."

Wer sich am Wochenende in der DDR umhörte, nachdem die Amerikaner beschlossen hatten, nicht an den Olympischen Spielen in Moskau teilzunehmen, spürte Erschrecken, auch Unbehagen über die erwartete sowjetische Reaktion, der sich die DDR anschließen müßte: "Man hätte das mit dem Olympiaboykott ja voraussehen können, aber es gab doch noch immer eine kleine Hoffnung. Was wird jetzt wohl werden? Stehen wir vor einem neuen Krieg? Wenn Carter wirklich militärisch gegen den Iran vorgeht, euch an seine Seite zwingt, die Sowjetunion dagegenhält, mit unserer Hilfe, müssen dann Deutsche auf Deutsche schießen?"

Wenn in den letzten Monaten über Afghanistan geredet wurde, dann immer vor allem im Hinblick auf die möglichen Folgen für die beiden deutschen Partner. Wieder und wieder wurde das Verhalten beider Staaten gelobt: "Endlich kann man mal einigermaßen stolz darauf sein, Deutscher zu sein. Sowohl eure als auch unsere Regierung haben immer versucht, ruhig und vernünftig zu bleiben." Viele sind skeptisch, ob solche Vernunft bald überhaupt noch möglich ist.

Immerhin stimmt es hoffnungsvoll, daß ein neues Abkommen zur Verbesserung des Verkehrs zwischen Westberlin und der Bundesrepublik fertig ausgehandelt wurde, daß Bundesforschungsminister Hauff in die DDR eingeladen ist, daß Politbüro- und Staatsratsmitglied Günter Mittag, zuständig für die Wirtschaftspolitik der DDR, trotz der Krise nach Bonn reist. All dies gilt als Indiz: Die beiden deutschen Staaten bemühen sich weiterhin, das, was man an Entspannung in den letzten zehn Jahren geschaffen hat, zu bewahren.

Der Besuch Mittags wird außerdem als Beweis gewertet, daß die Sowjetunion bisher der DDR solche Entspannungsschritte nicht untersagt hat: "Wenn sich ein so hoher Herr aus unserer Regierung mit so hohen Herren aus eurer Regierung trifft, ist das immer gut, weil es der Entspannung hilft. Außerdem kann uns wirtschaftliche Zusammenarbeit mit euch ja auch nicht schaden."